Auszüge aus den ersten drei Büchern

1. Buch:

 

 

 

Ein Haus mit vielen Türen

 

 

 

Madelena saß auf dem gepolsterten Stuhl vor dem mit einfachem Kiefernholz umfassten Spiegel und hielt vor Aufregung kaum still.

 

„Kind, nun bleib endlich ruhig sitzen, sonst schaffe ich es nie, den Schleier in deinem Haar zu befestigen“, beschwerte sich ihre Mutter Maria und mühte sich mit der honigfarbenen Haarpracht ab, die der Tochter in dicken Locken den Rücken hinabfiel.

 

„Ach, Mama ich bin so aufgeregt! Der schönste Tag in meinem Leben. Endlich geht mein Traum in Erfüllung!“

 

„Ja, ja, ich weiß“, sagte ihre Mutter und dachte, dass sie nun wohl zum letzten Mal ihrem Kind die Haare richtete. Sie seufzte leise und ihre Gedanken verloren sich eine Weile in der Vergangenheit.

 

Wie schnell die Zeit verflog; kaum entdeckte sie ihre Tochter uneingeschränkt, musste sie sie schon wieder loslassen …

 

Vor neunzehn Jahren brachte sie Madelena zur Welt; ein Energiebündel, das sie in ihrer Unerfahrenheit weder richtig zu würdigen noch zu händeln gewusst hatte.

 

 

 

Napoleon annektierte gerade das Rheinland und überall waren plötzlich französische Worte zu hören gewesen. Maria wollte  modern und allem Französischen aufgeschlossen sein, weswegen sie bei der Namensgebung auf der französischen Schreibweise von Magdalena bestanden hatte. Franz dagegen wollte den alten deutschen Namen verwenden, was zum Kompromiss Madelena führte.

 

Es war eine aufregende Zeit gewesen. Alles veränderte sich, seit Napoleons Besetzung des Rheinlandes. Die Kirchen waren entmachtet worden, zum Entsetzen und Trotz vieler Gläubiger. Auch Maria setzte weiterhin auf den Trost durch den Glauben. Altbekannte Hierarchien waren zerfallen, doch der einfache Bürger erhielt mehr Rechte. Vieles wurde von den Behörden neu geregelt, es gab zahlreiche klare Gesetze. Selbst Eheschließungen mussten ab sofort erst vor einem Standesbeamten erklärt werden; es genügte nicht mehr, nur vor dem Pfarrer zu heiraten, um einer Ehe Gültigkeit zu verleihen.

 

Maria hatte sich viel von den Neuerungen versprochen. Als Mitglied in ihrem Komitee schlug sie vor, ausschließlich französisch zu sprechen, soweit alle dazu in der Lage waren. Die neue Zeit und die Freiheit, die man nun im Bürgertum genoss, war aufregend und spannend gewesen. Doch die meisten älteren Mitglieder des Komitees konnten kein Französisch, und auch Marias Sprachschatz war beschränkt, sodass ihr Ansinnen keinen Anklang gefunden hatte. Maria war darüber untröstlich gewesen.

 

Wie gewonnen, so zerronnen, das traf auch auf Napoleon zu. Bald wusste der Bürger auf der Straße nicht mehr, wer etwas zu sagen hatte. Noch immer rangen die Oberen um Staatenbünde und neue Gesetze. Einiges jedoch blieb bestehen. Darum schlossen Madelena und Reiner am Vortag ihre Ehe offiziell vor dem Standesbeamten. 

 

„Das einzige, was bleibt, ist dein französisch klingender Name.“

 

„Was sagst du?“ Madelena drehte sich erstaunt zu ihrer Mutter um.

 

„Ach nichts, Kind.“

 

Schnell verbannte Maria diese Gedanken, was ging sie das jetzt noch an, das gehörte zu ihrer dunklen Vergangenheit. Heute stand einzig die kirchliche Trauung ihrer Tochter mit Reiner im Mittelpunkt; diese zählte für die Familie. Es sollte ein unvergessliches Fest werden und darum war für nichts anderes mehr Platz.

 

Im Stillen befürchtete sie jedoch, dass diese Ehe zu früh geschlossen wurde.

 

Unterdessen strahlte ihre Tochter vor Glück.

 

Madelena dachte an Reiner, murmelte seinen Namen, und er zerrann ihr förmlich auf der Zunge. Um sich abzulenken, denn das Hochstecken ihrer Haarpracht mit den Nadeln piekste sehr, ließ sie ihre Gedanken um ihren Zukünftigen kreisen. Die großen, blauen Augen, die Madelena schon immer faszinierten, seine auffallende, stattliche Nase, die vollen Lippen, in denen sich ein Hauch von Sinnlichkeit widerspiegelte, würde sie nun jeden Tag betrachten und küssen können. Aber sein Mund verriet auch eine gehörige Portion Energie und Entschlossenheit, die ihn das Leben lehrte. Heute werde ich seine Frau, jubelte Madelena innerlich. Dann schweiften auch ihre Gedanken ab.

 

 

 

Reiner Sanders lebte mit seiner Familie in einem kleinen Haus in der unmittelbaren Nähe von Madelenas elterlichem Bauernhof. Die Hütte passte sich so in die Landschaft ein, als wäre sie nicht gebaut worden, sondern gewachsen. Hohe Bäume schützten sie gegen die Wettermächte. Grobe Holzbohlen bildeten das Gerüst der Wände. Dazwischen war mit Stroh durchsetzter Lehm gestopft worden, um die Außenwände abzudichten. Winzige Fenster, mit Schweinehaut verschlossen, durchbrachen das Fachwerk. In die dunklen, gedrungenen Räume fiel kaum Tageslicht. Öffnete man die windschiefe Tür, stand man direkt in der Wohnstube. An diese grenzte ein kleiner Schlafraum und über eine steile Stiege erreichte man einen offenen Verschlag, in dem niemand stehen konnte.

 

Ein großer Webstuhl, der nicht nur die Mitte der Wohnstube markierte, bildete auch das Lebenszentrum Annas, Reiners Mutter. Ihre Arbeit half, die Familie über Wasser zu halten. In einer Nische befand sich das gezimmerte, breite Bett, das die Eltern mit dem jüngsten Kind teilten. An der gegenüberliegenden Seite füllte ein grob gezimmerter Tisch den Raum. Die Stempel auf der einen Seite waren zu kurz, darum war die Tischplatte schief. Jeder Schemel besaß eine andere Form, denn beim Bau der Möbel hatte Vater Mathias das nehmen müssen, was der Wald an Material geboten hatte. Doch so fand jeder seinen Platz am Tisch. In der Stube spielte sich das gesamte Leben ab; besonders wichtig in dem Raum war der Ofen. Er wärmte mäßig, etwas besser, wenn gekocht wurde. Anna achtete darauf, dass nicht zu viel Heizmaterial verwendet wurde. Nur bei Frost gestattete die Mutter ihren Kindern, den Ofen durchgängig zu heizen. Annas Stolz war ein zweiter, kleinerer Webstuhl, der kaum Platz in der Kammer fand. Auf diesem hatte sie schon früh den älteren Töchtern das Weben beigebracht. Ein behäbiges Bett fand in der Nische gegnüber Platz, in dem die größeren Mädchen schliefen. Reiner kletterte abends mit seinen jüngeren Brüdern über die Hühnerleiter auf die Empore, die sich durch die Schräge des Daches ergab. Lediglich ein Strohlager diente ihnen zum Schlafen, weil für ein Bett der Platz nicht reichte.

 

Ständig brannten Petroleumfunzeln, die immer wechselnde Schattenbilder an die Wände malten. Nur beim hellsten Sonnenschein im Sommer reichte das Tageslicht, um genug zu sehen.

 

Kaum waren die Kinder den Windeln entwachsen, arbeiteten sie im Haushalt, Garten und am Webstuhl mit. Überall wartete Arbeit auf fleißige Hände. Nach einer festgelegten Rangordnung, waren die Aufgaben für die Familienmitglieder eingeteilt. Die Kleinsten suchten brennbares Material, kleineres Gehölz, manchmal auch größere Stämme, wobei die größeren Jungen diese nach Hause schleppten. Aber meistens sammelten die Kinder Kuhfladen, die getrocknet in einem Verschlag neben dem Haus gestapelt wurden. Oft nahmen die Kinder Reißaus beim Sammeln, da die Bullen keinen auf der Wiese duldeten. Das Einsammeln der Kuhfladen entwickelte sich nicht selten zu einem Wettlauf mit den Nachbarkindern, denn das kostenlose Brennmaterial war von vielen begehrt.

 

Waren die Kinder ein bisschen älter, stand die Hausarbeit an, besonders für die Mädchen. Nur bei schwierigen Aufgaben griff Mutter Anna unterstützend ein.

 

Die Jungen mussten das Wasser vom Brunnen heranschaffen, auch die Gartenarbeit fiel in deren Betätigungsfeld. Wenn die Zeit reichte, suchten sie ebenfalls nach Abfallhölzern. Brennmaterial zu sammeln, besaß oberste Priorität.

 

Vom Frühjahr bis zum Herbst suchten die Kinder nach wild wachsendem Gemüse und Früchten. Löwenzahn, Gänseblümchen, Sauerampfer, Beeren, Pilze und Nüsse bereicherten regelmäßig den Speiseplan. Außerdem achteten die Kinder eifrig darauf, von den Weidezäunen oder im Unterholz Schafwolle abzuzupfen, die beim Weiden der Schafe hängengeblieben war. Daraus strickte ihre Mutter Pullover, Socken, wärmende Unterhosen, um für den Winter gerüstet zu sein.

 

Sobald die Mädchen alt genug waren, erlernten sie das Weben. Besonders im Winter, wenn es draußen nichts mehr zu suchen gab, setzte die Mutter sie an den Webstuhl. Zum Üben zog die Mutter das minderwertige Garn auf, ein Abfallprodukt, bestehend aus den kurzen Fasern, die bei der Flachsgewinnung übrig blieben. Das Garn war durchsetzt von vielen Knoten, entsprechend minderwertig war das fertige Produkt. Arme Leute kauften diesen Stoff, da er für jene erschwinglich war, um daraus grobe Arbeitshemden, einfache Kleider, Kittel und Bettwäsche zu schneidern.

 

Sobald die Fingerfertigkeit zunahm, lernten die Töchter unter der strengen Anweisung ihrer Mutter das Weben der hochwertigen Stoffe.

 

Keiner im Dorf beherrschte die Webtechnik so perfekt wie Reiners Mutter. Sie webte besonders feines Leinen, das begehrt war und für die Aussteuer der höheren Töchter verwendet wurde. Alle betuchten Leute, die etwas auf sich hielten, ließen die Aussteuer aus ihrem Stoff nähen. Anna fand Abnehmer weit über Waldniels Grenzen hinaus.

 

Reiner bearbeitete den Garten, der klein war, aber doch so viel abwarf, dass regelmäßig Gemüse für die Familie geerntet werden konnte. Hühner und Kaninchen gehörten ebenso zum Haushalt, was schon einen besonderen Luxus bedeutete. 

 

Sein Vater Mathias schuftete schwer; er verdiente seinen Lohn bei der Flachsverarbeitung. Ein hart verdientes Einkommen, das nicht reichte, um die Familie davon zu ernähren. Sofern man sich nicht als Knecht auf einem Hof verdingen wollte, war dies die einzige Möglichkeit, in jener Gegend Geld zu verdienen. Doch bei aller Arbeit stand stets ein Lächeln in seinem Gesicht, wenn er nach Hause kam. Er liebte seine Familie und vor allem seine Frau Anna. Sie war sein Leben. Er vergaß nie den Moment, als er ihr zum ersten Mal begegnet war. Es war auf der Kirchweih geschehen.

 

 

 

Anna hatte damals in Amern bei ihrem Vater gelebt. Amern war ähnlich wie Waldniel ein kleines Dorf. Einige Bauernhöfe und kleine Häuser formten das Bild von Amern. Menschen die nichts besaßen mussten schauen wie und womit sie ihr Geld erwitschafteten. Die meisten Leute ohne eigene Landwirtschaft verdienten ihr Brot auf den umliegenden Höfen, als Mägde oder Knechte. Wer etwas vom Weben verstand verdingte sich als Hausweber. Einige arbeiteten als Flachsschneider. Der eigenbrötlerische Vater von Anna, war Weber mit einem gringen Einkommen, darum hatte er sich erst spät entschlossen, eine Familie zu gründen. Fünfundvierzig Jahre war er schon alt, als Anna auf die Welt kam. Ihre Mutter, klein und zierlich, war bei der Geburt des einzigen Geschwisterkindes gestorben. Auch das Baby verstarb, und so stand der Mann vom einen auf den anderen Tag allein da und musste sein einziges Kind umsorgen und behüten.

 

Er versuchte, eine andere Frau zu finden, aber sein Charakter hatte die meisten abgeschreckt. Manche Frauen verlangten zu viel von ihm, andere waren grob mit Anna umgegangen. Diese Erlebnisse und der frühe Tod seiner Frau gruben sich so tief in seine Seele, dass er die Suche nach einer neuen Gefährtin bald aufgab. Zum Glück des Kindes arbeitete er als Hausweber daheim. Das Handwerk hatte er von seinem Vater erlernt und konnte sich damit über Wasser halten. Ab und zu kam eine Nachbarin, um beim Nötigsten zu helfen. Doch die meiste Zeit sorgte er allein für das kleine Mädchen.

 

Als Anna das achtzehnte Lebensjahr erreichte, verstarb ihr Vater unerwartet und hoch verschuldet. Einzig die Fähigkeit zum Weben vererbte er ihr als Kapital, und das beherrschte sie perfekt. Das war eine Arbeit, die sie ausfüllte.

 

Nach dem Verlust war Anna gezwungen gewesen, ihre wenige Habe zu verkaufen.Lediglich vom Webstuhl des Vaters mochte sie sich nicht trennen. Doch ohne Dach über dem Kopf konnte sie nicht mehr weben und kein Geld verdienen. Daraufhin suchte sie sich eine Stelle als Magd.

 

Über ihre Arbeit beim Nachbarbauern war sie zu Beginn unendlich dankbar. Der Bauer hatte ihr erlaubt, den Webstuhl mitzubringen. Er fand seinen Platz in der Scheune. Schon bald begriff Anna, was es hieß, von Sonnenaufgang bis spät am Abend auf einem Hof zu arbeiten. Hausarbeit kannte sie, aber nun hatte sie auch immer wieder im Garten zu tun, musste die Kühe melken und das Federvieh versorgen. Dauernd stieg ihr der Dienstherr lüstern hinterher; es war schwierig, ihn aufzuhalten. Wie sollte sie sich ihn vom Leibe halten, ohne ihre Arbeit zu gefährden? Mit niemandem konnte sie darüber sprechen, schon gar nicht mit der Bäuerin, obwohl diese sehr verständnisvoll war.

 

Anna war todunglücklich. Der Verlust des Vaters bedrückte sie noch immer. Sie fühlte sich schutzlos. Oft fragte sie sich, wie lange sie sich gegen die Übergriffe des Bauern noch würde wehren können.

 

Das war der Zeitpunkt, als Mathias Anna auf der Kirchweih kennen gelernte. Gleich beim ersten Tanz hatte es zwischen ihnen gefunkt. Beim Abschied versprach der junge Mann, am folgenden Sonntag wieder zur Messe zu kommen. Er hielt sein Versprechen und war so oft gekommen, wie er Zeit dafür fand. Schon drei Wochen später hatten die beiden gewusst, dass sie zusammenbleiben würden.

 

Mathias grübelte, wen er um Annas Hand bitten sollte, da kein Verwandter vorhanden war. Am besten spreche ich mit ihrem Dienstherren, denn der verliert dabei seine Magd, hatte er beschlossen.

 

Gleich am nächsten Sonntag nutzte er die Gelegenheit und fragte um die Erlaubnis, sein Leben mit dem Annas vereinen zu dürfen. Unwirsch reagierte der Bauer darauf, denn ihm hatte diese Veränderung gar nicht gepasst. Er plante für sich schöne Schäferstündchen mit dem hübschen Ding. Doch die Bäuerin, der das arme Mädchen leidtat, setzte ihren Mann gehörig unter Druck, die Erlaubnis zu erteilen.

 

„Hans, was soll das? Das Mädchen ist fleißig und es ist bestimmt ein Verlust für uns, wenn es geht, doch schau in seine Augen! Sie sahen so verloren und traurig aus. Seit ein paar Wochen glänzen sie wieder, und ich denke, das hängt mit dem Burschen hier zusammen. Also junger Mann, nehmen Sie sich Anna und machen Sie sie glücklich! Sie hat es verdient!“

 

So war es geschehen, dass schon bald der Priester einem strahlenden Paar das Jawort abnahm.

 

Zu der Zeit arbeitet Mathias schon als Flachsschneider in Waldniel. Waldniel war ein kleines Dörfchen, umgeben von vielen Feldern, Wiesen zum Weiden der Kühe und die Schomm, ein größeres Waldstück. Ab und zu durchzogen kleinere Wäldchen die Wiesen. Sie sorgten dafür, dass der Wind nicht ungehindert über das Land streichen konnte. Im Bruch sammelte sich viel Grundwasser, dadurch wurde der Boden morastig und diente dem Verroten von den Flachsstängeln. Wunderschön war der Blick über die Felder, wenn der Flachs blühte. Ein Meer von blauen Blüten sah man dann, soweit das Auge reichte.

 

Der Ortskern von Waldniel lag etwas erhöht. Schaute man von weiter weg auf den Ort, drang einem das Bild einer Glucke vor das Auge, die ihre Kücken um sich gescharrt hatte. Die Häuser standen fächerförmig, um den Marktplatz. Durch einen Durchgang erreichte man den Platz an dem die Kirche stand. Von Ungerath aus gesehen, das zu Amern gehörte, erkannte man nur die Hausdächer. Alle Straßen waren dicht bebaut, zum Teil mit Pflastersteinen belegt, das aber sehr kibbelig war, darum nannte sich ein Teil der Straße, die unterhalb der Kirche entlanglief,  auch Kibbelstraße. Eng wirkten die Gassen, im Sommer stellten die Bewohner oft abends einen Stuhl vor die Tür und hielten ein Schwätzchen, vobei die Frauen die Flickwäsche reparierten oder strickten. Die Männer hockten zusammen und besprachen vermeintlich wichtige Dinge, während die meisten ein Pfeifchen rauchten. Die Brückenstraße war auch so eine enge Straße, die im oberen Drittel steil nach unten verlief. Dort bei Meier fanden die beiden zunächst eine Bleibe zur Untermiete. Sie mussten sich einen Raum mit einer anderen Familie teilen. Eine quer durch das Zimmer gespannte Schnur mit Tüchern darüber sorgte für ein wenig Privatsphäre. Außer einer Truhe und einem mit Stroh gefüllten Sack, basaßen sie nichts, was aber die Liebe nicht stören konnte. Als sich ihr erster Sohn ankündigte, wurde eine eigene Bleibe für sie alleine nötig. Rechtzeitig vor der Niederkunft suchten sie sich ein eigenes Zimmer und fanden es diesmal auf der Langestraße, die etwas breiter gestaltete war. Anna war glücklich, dass dort auch ihr Webstuhl untergebracht werden konnte. Nach der komplikationslosen Geburt konnte sich Anna schnell wieder ihrer Arbeit widmen und sich regelmäßig an den Webstuhl setzen. Anna stillte ihren pflegeleichten Jungen zwischen der Arbeit und legte ihn anschließend auf einen Strohsack in ihrer Nähe. Das gleichmäßige Geräusch des Weberschiffchens hatte Reiner gleichermaßen interessiert wie beruhigt. Bei dem Geklapper schlief er regelmäßig selig ein.

 

Schon bald verkaufte die junge Mutter die ersten Leinenstücke. Zeitgleich meldete sich das nächste Kind an. Nun wurde es Zeit für eine größere Unterkunft.

 

Durch den Verkauf des gewebten Leinens stellte sich geringer Wohlstand ein. Anna und Mathias erwarben leichtsinnig ein winziges Fachwerkhaus, das außerhalb von Waldniel, in Ungerath stand. Man ging nach Waldniel in die Kirche und kaufte auch alles dort ein, aber offiziell gehörten die Ungerather zu Amern. Von außen sah das Haus aus, als hätte jemand mit großem Appetit daran genagt. Wind und Regen hatten ihr Werk getan, doch mit viel Muskelkraft wurde es durch sie beide wieder bewohnbar. Die Zwischenräume des Fachwerks waren vermodert, darum nutzte Mathias jede freie Minute, um mit Annas Hilfe, die Fächer mit einer Mischung aus Lehm und Stroh wieder zu stopfen. Danach besserten sie die Wände im Inneren des Hauses aus. Zum Schluss hatte Mathias, so gut er es vermochte, die ersten Möbel gezimmert.

 

Reiner, der Erstgeborene, wurde von seinem Vater früh gedrängt, diesen zur Arbeit zu begleiten. Je eher er einen Beruf erlernte, desto besser ging es der Familie. Jeder Esser weniger war eine Erleichterung für die Eltern mit ihrer rasch wachsenden Kinderschar. Reiner sollte auch in der Flachsgewinnung eine sichere Anstellung finden. Der Vorarbeiter musste möglichst früh von den Qualitäten Reiners überzeugt werden.

 

Da um Waldniel herum viel Flachs angebaut wurde, lohnte sich die Arbeit, obwohl sie anstrengend und kräftezehrend war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auszug aus dem 2. Roman:

 

 

 

Die Last des Erbes

 


                                        
Zwei Tage später fanden sie eine Postkutsche, die sie nach Hamburg brachte. Von dort wollten sie weiter ins Rheinland.
Knut bewunderte die große Stadt. Beide beschlossen, zwei weitere Tage zu bleiben, um die Stadt zu erkunden. Es gab vieles zu bestaunen. Das Viertel, in dem die meisten Handwerker lebten, beeindruckte beide. Später schauten sie sich den Hafen an und beobachteten die Schiffe. Interessant war es, dem Verkauf der frischen Fische zu zuschauen. Direkt vor Ort verkauften die Fischer ihren Fang. Wehmütig dachte Knut: Wäre das auch bei uns zu Hause möglich gewesen, lebte Märte noch.
Am Abend kehrten sie müde und hungrig in ihre Unterkunft zurück. Nach einem deftigen Mahl fühlten sie sich gestärkt. Beide waren so aufgeputscht von den Eindrücken, darum  beschlossen sie, nicht direkt ins Bett zu gehen. Schnell fanden sie eine Studentenkneipe, wo es hoch her ging. Je weiter der Abend fort schritt, desto loser wurden die Witze und das Benehmen der Gäste. Da bemerkte Wilhelm, dass ihn die ganze Zeit ein Mann fixierte. Immer näher schob er sich an Wilhelm heran und flüsterte ihm später ins Ohr: „Ich spüre etwas Besonderes bei dir! Darum möchte ich dir meine Studentenbude zeigen. Ich wohne dort ganz allein!“, erklärte er viel sagend. Wilhelm war sofort klar, was er meinte. Knut kannte die nähere Geschichte, weswegen Wilhelm seine Familie damals verließ und übersah darum die Nähe des fremden Mannes, was Wilhelm nicht zu stören schien. Wilhelm war verwirrt, denn der Mann zog ihn unglaublich an. In Norwegen war er ab und zu nach Christiansund gefahren und fand dort so manches Mal Gelegenheit, sich und seinen Gefühlen Luft zu verschaffen. Der Gedanke in Hamburg noch einmal die Gelegenheit dazu zu bekommen, war verführerisch.
„Das ist sehr nett, deine Bude würde mich interessieren, aber ich muss erst meinem Freund Bescheid sagen, dass ich nicht mit zur Pension gehe. Warte einen Augenblick!“
„Deinem Freund? Wie verstehe ich das?“, fragte sein Gegenüber erstaunt.
„Er ist ein Freund ein guter Freund, aber nicht mein Geliebter. Er ist mit mir nach Deutschland gekommen, um sich vom Verlust seiner Verlobten abzulenken, die vor wenigen Monaten plötzlich starb, verstehst du jetzt?“
„Jetzt begreife ich. Wie heißt du?“
„Wilhelm und du?“
„Ludwig. Beeile dich!“, meinte der Andere verlangend.
Wilhelm erklärte Knut, dass er allein nach Hause gehen solle, er würde mit Ludwig Zeit verbringen.“
Mehr musste er nicht sagen, denn Knut signalisierte ihm, dass das für ihn in Ordnung wäre. So trennten sich die beiden, und bald sah man Wilhelm mit Ludwig fortgehen. Tatsächlich brauchten sie nur um ein paar Ecken und schon standen sie vor dem Haus, in dem Ludwig unterm Dach eine Mansarde bewohnte.

 

Auf dem Weg dorthin unterhielten sich die beiden. Ihre Nervosität versuchten sie zu überspielen. Ludwig erkundigte sich, wo her Wilhelm stammte, wo er wohnen würde?  „Ich bin nur auf der Durchreise.“, erklärte Wilhelm. „Schade, dann gibt es für uns keine Zukunft“, meinte Ludwig traurig.
Für mich ist das gut so, dachte Wilhelm: Mir gefällt Ludwig. Wenn ich  in Hamburg leben würde, wäre Ludwig eine Gefahr für mich, das spürte der Liebeshungrige. Wilhelm verdrängte schnell diese Gedanken, um sich unbeschwert in dieser Nacht seiner Sehnsucht hinzugeben. Zunächst verhalten, aber später stürmisch ging das Paar miteinander um. Zwischen Streicheln und Erobern wechselten die beiden hin und her. Die Stunden waren beglückend, aber zu kurz. Doch als die Glocke vom nahe gelegenen Kirchturm acht Uhr schlug am Morgen, wurde Wilhelm unruhig.
„Ludwig, ich danke dir, du hast mir eine wunderschöne Nacht geschenkt. Ich werde sie in meinem Herzen behalten. Gut, das ich nicht hier lebe, sonst wärest du eine echte Gefahr für mich. Vor ein paar Jahren versprach ich meiner Familie, dass ich nie mehr ein Liebesverhältnis eingehen würde. Bei dir könnte ich mein Versprechen nicht halten!“, gab Wilhelm seine Gefühle preis.
Während Ludwig Wilhelm mit einem besonderen Frühstück verwöhnte, antwortete er: „Mir geht es ähnlich, nicht was dein Versprechen anbelangt, aber gestern als du die Kneipe betreten hattest, fielst du mir sofort auf. Die berühmte Liebe auf den ersten Blick gibt es auch bei Männern. Vielleicht ist das Wort Liebe zu stark, aber ganz viel Sympathie empfand ich sofort. Wie soll ich die nächste Zeit ohne dich überstehen?“
„Wenn es dich tröstet, verrate ich dir, dass ich genauso denke. Nun muss ich aufbrechen, sonst macht sich Knut noch Sorgen.“
 Zum Abschied küssten sie sich noch einmal leidenschaftlich und Wilhelm versprach, dass er, sobald er die Stadt noch einmal besuchen würde, sich bei ihm melden würde.
Beschwingt lief Wilhelm anschließend durch die Straßen. Er überlegte, ob eine Möglichkeit bestand, geschäftliche Kontakte in der Gegend anzubahnen. Auch Hamburg besaß ähnlich wie Köln kleine Geschäfte, wo Waren aller Art angeboten wurden. Etliche Läden zeigten wertvolle Stoffe in ihren Auslagen.
„Schade, das sind alles Stoffe, um Kleidung daraus zunähen!“
Gedanklich verweilte er immer noch in der letzten Nacht.
Plötzlich stieß Wilhelm auf eine Auslage, die Stoffe für Tisch- und Bettwäsche anbot.
In seiner beschwingten Laune betrat er den Laden und dachte, ich schaue mir das Angebot an. Es kann nie schaden, wenn man im Auge behält, was an Stoffen verkauft wird. Im Laden bestaunte er fachmännisch die Stücke. Das fiel der Dame des Hauses direkt auf und meinte: „Das ist selten, dass sich ein Mann ohne Gattin hierher verirrt. Außerdem fällt mir auf, Sie schauen sich intensiv die Webart an, haben Sie eine Ahnung davon?“
„Ja, ich bin selber Weber, wir haben eine eigene Firma. Wir stellen sehr gutes Leinen her, so sagt man zumindest.“ Wilhelm wollte sich nicht selbst beweihräuchern.
„Sehr interessant, ist ihr Betrieb in der Nähe? Wie heißt er, vielleicht kenne ich ihn.“
„Leinenwaren Sanders und Söhne, so nennt sich die Firma. Wir produzieren im Rheinland!“
„Und dann fahren Sie bis Hamburg, um Kundschaft zu besuchen?“, erkundigte sich die Frau erstaunt.
„Nein, ich lebte eine Zeit lang in Norwegen und lernte dort die Damast Weberei kennen.“
„Damast, davon habe ich noch nie gehört. Wie sieht der Stoff aus, wie fühlt er sich an?“
 Wilhelm erklärte die Muster so gut er konnte, doch an dem fragenden Blick merkte er, es wäre gut, wenn die Frau ein Muster sähe.
 „Ich glaube, es ist besser ich zeige Ihnen ein Muster, ich laufe schnell zu meiner Pension und hole Ihnen die Probe. Ich bin gleich wieder da.“
Schon war Wilhelm aus der Tür und lief zur Pension, die nicht weit entfernt lag. Er hoffte auf Knut zu stoßen, aber der war nirgends zusehen.
„Egal, den suche ich später“, murmelte Wilhelm und rannte, unter dem Arm ein Musterbuch, zurück zum Stoffladen. Dort angekommen, legte er die Proben der Dame auf die Theke.
Beeindruckt bestaunte sie den Stoff und hielt ihn in alle Richtungen, um das Muster erkennen zu können.
„Verraten Sie mir, wo ich diese Stoffe kaufen kann? Wie teuer ist ein Ballen?“, erkundigte sie sich geschäftig.
Wilhelm gab bereitwillig Auskunft.
„Demnächst stellt unser Familienbetrieb diesen Stoff her.“, beeilte er sich zu antworten: „Wie teuer ein Ballen sein wird, kann ich noch nicht genau sagen, da wir gerade die Produktion umstellen, aber in drei Monaten hoffen wir, die ersten Ballen anbieten zu können und dann wissen wir wie teuer der Ballen wird.“, endete er optimistisch.
„Das hört sich gut an, darf ich Ihnen schon eine Bestellung mit auf den Weg geben? Ich bitte Sie nur vorher mir mitzuteilen, wie teuer der Stoff sein wird.“
„Gerne!“
Schnell zückte Wilhelm Bleistift und Papier, notierte die Daten und die Menge. Er bedankte sich und verabschiedete sich, da Kundschaft den Laden betrat.
In Hochstimmung lief er durch die Straßen und hoffte, Knut irgendwie zu finden. Als Wilhelm um die nächste Ecke bog, lief ihm Knut in die Arme.
„Da bist du ja! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, als du heute Morgen nicht zum Frühstück kamst. Hat es sich gelohnt?“, begrüßte ihn Knut auf seine direkte Art.
„Ja, ich danke dir, dass du so viel Verständnis für mich hast. Aber ich bitte dich inständig, verliere nie ein Wort darüber zu meiner Familie!“
„Wilhelm, das hast du mir doch schon tausendmal gesagt! Keine Angst ich sage nichts. Bei Märtes Tod warst du für mich da und hast mir zu gehört. Wieso trägst du die Musterbücher unter dem Arm?“, versuchte Knut mit einem anderen Thema seinen Freund abzulenken.
„Als ich von Ludwigs Wohnung kam, führte mich der Weg über den Marktplatz. Dort gibt es eine Menge kleiner Läden unter anderem auch einen Stoffladen.“
Schnell erzählte Wilhelm was passierte. „Und nun habe ich eine Bestellung in der Tasche!“, erklärte der Freund begeistert.
 „Wunderbar, wir bringen nicht nur den Webstuhl, nein, wir liefern gleich den ersten Auftrag mit. Ich glaube, du bist nicht nur ein guter Weber. Zeig mir den Markt, denn heute ist unser letzter Tag. Die Postkutsche fährt erst Morgenfrüh ab.“

 

Der Tag in Hamburg ging schnell vorüber. Abends zuckte kurz bei Wilhelm der Gedanke auf, noch einmal Ludwig aufzusuchen. Aber sein Instinkt riet ihm davon ab, denn dann würde er nur schwer Abschied nehmen können.

 



 

                                             3

 

Um sechs Uhr in der Früh fuhr die Postkutsche los, und je weiter sie sich von Hamburg entfernte, desto besser fühlte sich Wilhelm. Bald freute er sich auf Waldniel und seine Familie.
Die Landschaft flog vorbei. Abends kehrten sie in Poststationen ein, wo die Pferde gewechselt wurden, wenn  dies nötig war. Doch auch die Reisenden waren froh über eine Unterbrechung der Fahrt, um etwas zu essen und zu schlafen, bevor die Reise weiterging.
Immer näher kamen sie dem Niederrhein. Wilhelm konnte nun wirklich den vertrauten Geruch der Felder und Wiesen riechen. Um diese Zeit rochen sie nach Nässe, etwas moderig und nach der satten Erde.
Die letzte Nacht verbrachten sie in Krefeld. Wilhelm fieberte dem Aufbruch am folgenden Tag entgegen. Was würde ihn erwarten? Fällt der Empfang wirklich so herzlich aus, wie er es sich wünschte und erhoffte? Gut, dass er Knut dabei hatte. Seine Nähe würde helfen.
Da entdeckte er in der Ferne die ersten Häuser von Waldniel. Wilhelm durchrieselte ein Glücksgefühl. „Endlich zu Hause“, murmelte er.
„Was hast du gesagt?“, hakte Knut nach, der nicht verstand was Wilhelm sagte.
„Dort hinten am Horizont siehst du die Dächer der Häuser von Waldniel blitzen. Das ist ein sehr starkes Gefühl, dass sich in meiner Brust ausbreitet.“
Knut schaute angestrengt in die Richtung und bemerkte ein paar Dächer. Vermutlich nur ein kleines Dorf, überlegte der Norweger. Das ist aber ein winziger Fleck Erde, da ist ja mein Heimatort größer. Ich kann kaum glauben, dass dort eine größere Firma angesiedelt sein soll. Na ja, ich warte ab, was auf mich zukommt, lehnte sich Knut in Gedanken zurück, während Wilhelm sich die Nase am Fenster platt drückte. Immer größer wurde der Ort und bald konnte Wilhelm einzelne Häuser erkennen.
Ein halbe Stunde später fuhr die Postkutsche auf dem Marktplatz vor. Schnell packten beide ihre Sachen und Wilhelm dirigierte Knut über die Gladbacherstraße, Richtung Ungerath, zum Stammsitz.
Erstaunt stellte Knut fest, dass er die Größe des Ortes falsch eingeschätzt hatte. Schon erzählte Wilhelm, als sie ins Weihersträßchen abbogen: „Hier hört Waldniel auf, denn Ungerath gehört zu Amern! Das ist sehr umständlich für die Bewohner, denn um Amern zu erreichen, musst du etwa vier Kilometer zu Fuß laufen, trotzdem muss man für jede Genehmigung auf das Amt nach Amern laufen. Das ist so verrückt, denn für jede Besorgung oder um in die Kneipe zu gehen, besonders sonntags, um den kirchlichen Segen zu erhalten, orientiert sich meine Familie nach Waldniel, wie alle anderen auch. Selbst zur Schule gehen wir nach Waldniel, natürlich mit einer Sondergenehmigung“
„Das hört sich kompliziert an und es verwirrt mich! Ich glaube, ich brauche einige Zeit um mich zu Recht zu finden.“
„Das ist nicht verwunderlich, das kann ich dir versichern. Nicht lange und du kennst dich bestens aus. Schau da vorne, siehst du das große weiße Gebäude zwischen den Bäumen? Das ist unser Haus! Wohnhaus und Firma in einem.“, erklärte Wilhelm stolz.
„Hoffentlich trifft das zu, denn diesen kleinen Weg „Weihersträßchen“ zu nennen, ist verrückt und maßlos übertrieben. Das ist allenfalls ein Trampelpfad!“
„In dem Punkt hast du recht, aber schau genau, dort ist mein zu Hause.“
Schon standen sie vor dem gusseisernen Tor. Zögernd setzte Wilhelm einen Fuß vor den anderen, da meinte Knut: „Weiß jemand, wann genau wir kommen?“
„Nein, natürlich nicht!“
„Dann wird es also eine Überraschung werden!“
„Hoffentlich keine böse“, meinte Wilhelm ängstlich.
„Man hat dir verziehen und um deine Rückkehr gebeten!“, erklärte Knut energisch und stieß den Freund Richtung Eingang.
Dies alles beobachtete Heinrich von seinem Bürofenster aus und stürzte, als er erkannte, wer sich der Tür näherte die Treppe herunter. Er riss in dem Augenblick die Tür auf, als Wilhelm sie erreichte. Im nächsten Moment lagen sich die Brüder in den Armen.
„Mutter, Wilhelm ist wieder da.“, schrie Heinrich ins Haus!
In jedem Winkel konnte man ihn hören, und schon strömten aus allen Räumen die Geschwister, um den verlorenen Sohn zu begutachten. Einzig Mathias fehlte. Er klemmte hinter seinen Webstuhl und glaubte, so allen Veränderungen, die ihm sauer aufstießen, entgehen zu können.
Madelena fiel ihrem Sohn um den Hals, dann die Schwestern und zum Schluss Christian und Leopold.
Knut, der abseits stand beobachtete die Begrüßung. Jetzt verstand Knut die Sehnsucht die Wilhelm in seiner Seele trug, nach der Herzlichkeit, die er hier erlebte. Ihn selbst übersah die Familie vor lauter Seligkeit. Er hatte Geduld. Da drehte sich Katharina um und entdecke ihn. „Oh Entschuldigung, wer sind Sie? Was wollen Sie? Der Firmeneingang liegt hinter dem Haus“, erklärte Katharina schroff.
Knut bemerkte direkt, wie hübsch Wilhelms Schwestern waren. Die, die ihn ansprach besaß blondes Haar, das zu zwei schweren Flechten gebunden war. Ihre strahlend blauen Augen ließen das Gesicht leuchten. Sie war eine energische Person und wusste, was sie wollte. Die schweren blonden Zöpfe erinnerten ihn direkt an Märte.
So selbstsicher wäre Märte nie aufgetreten .Vielleicht liegt das am Altersunterschied der beiden Frauen. Katharina war kein taufrisches Mädchen mehr, aber sehr apart!, überlegte er, während er sie taxierte.
Schon drehte sich Wilhelm um und erklärte: „Entschuldigt, das ist Knut Sörensen, ein Freund, aus Norwegen.“ Man spürte sofort die angespannte Atmosphäre. Christian fand als erster seine Stimme wieder und fragte knapp: „Wie Freund?“
Knut begriff und erklärte mit Nachdruck: „Uns verbindet eine echte Freundschaft. Wilhelm hat mir in meinen dunkelsten Stunden beigestanden. Im letzten Herbst ist Märte, meine Verlobte, gestorben.“
Man spürte die Erleichterung, die durch die Familienmitglieder ging, als sie das vernahmen.
„Knut beherrscht das Weben von Damaststoffen perfekt und soll uns anleiten!“ schob Wilhelm gleich die Erklärung nach, denn er selbst konnte so manchen Dreh noch nicht perfekt.
Katharina entschärfte die Situation: „Herr Sörensen, das ist nett, dass Sie meinen Bruder begleitete haben. Hier ist sicher alles anders als bei Ihnen zu Hause. Du hast Glück“, wendete Katharina sich wieder an ihren Bruder: „Maria hat frischen Kuchen gebacken. Agnes und ich schütten schnell Kaffee auf und decken den Tisch. Danach erzählt ihr uns, wo ihr wart. Mutter, bist du damit einverstanden?“
„Das ist eine gute Idee, wo ist Mathias? Er soll auch dabei sein. Sagt ihm bitte jemand, dass Wilhelm da ist und einen Gast mitgebracht hat.“
„Ich kann ihn überraschen und ihn selbst holen!“, bot Wilhelm an.
Schon drehte er sich um und eilte zur Verbindungstür, die das Wohnhaus von der Fabrikation trennte. Während Wilhelm durch die Räume ging, schaute er sich alles andächtig an. Wie vertraut ihm alles vorkam, wie hatte er das doch vermisst. Im hintersten Winkel traf er, wie Wilhelm vermutete, auf seinen Bruder, der verbissen hinter seinem Webstuhl saß.
„Bruderherz!“, begrüßte Wilhelm Mathias freudig: „Ich bin glücklich, euch alle zu sehen. Komm, lass dich umarmen!“ Wilhelm trat auf Mathias zu. Sofort hob Mathias abwehrend die Arme.
„Lass das! Ich mag das nicht! Ich bin nicht so wie du. Ich war dagegen, dass du nach Hause kommst.“, schleuderte er dem ungeliebten Bruder entgegen. Die Worte trafen Wilhelm hart, woraufhin der erklärte: „Gut, das akzeptiere ich, aber ich habe einen Freund mitgebracht. Vielleicht möchtest du ihn begrüßen!“
„Deinen Freund, mir wird schlecht! Hast du nicht genug Schande über uns gebracht?“, brüllte Mathias los.
„Mathias, ich habe versprochen, dass ich euch nie mehr verletzen werde und das halte ich auch. Den Freund, den ich mitbrachte, ist so normal wie du und die anderen Männer in unserer Familie. Er ist ein hervorragender Weber. Spring über deinen Schatten, schon Mutter zuliebe!“, versicherte Wilhelm dem jüngeren Bruder. „Das bin ich selbst, einen weiteren Weber brauchen wir nicht!“, schmetterte er Wilhelm entgegen. „Komm, sei nicht so grantig!“ Widerwillig verließ Mathias seinen Webstuhl und folgte ins Familienzimmer, wo alle einträchtig um den großen Tisch saßen und wild durcheinander sprachen. Er achtete darauf, möglichst weit genug entfernt sich von Wilhelm hin zu setzen.
Wilhelm war es egal, er musste vor allem der Mutter genau erzählen, wie es ihm ergangen war, nach seinem abrupten Weggang.
Später fragte Heinrich ungeduldig: „Wilhelm, nun hast du uns erzählt was du alles erlebt hast, aber noch kein Sterbenswort von deiner Arbeit. Wann kommt der neue Webstuhl?“
„Den brauchen wir nicht!“, warf Mathias grimmig dazwischen.
Wilhelm überging den Einwand und meinte: „Auf meiner Wanderschaft besuchte ich in die Nähe von Christansund in Norwegen eine kleinere Weberei. Ich stellte mich dem Fabrikbesitzer vor. Der war sehr freundlich und lud mich ein, mir die Fabrikation anzusehen. Dort sah ich das erste Mal einen Webstuhl, der Damaststoffe webte. Bedient wurde er von Knut. Ich war fasziniert, was der Fabrikant gleich bemerkte. Daraufhin ermöglichte er es mir, diese Webkunst zu studieren. Von da an saß ich neben Knut und schaute mir jede Handbewegung ab. Bald durfte ich an den Webstuhl und lernte selbst die Technik einigermaßen. Immer wieder dachte ich dabei, dass wäre auch etwas für unsere Firma. Mittlerweile beherrsche ich diese Webkunst ganz gut. Ich will es euch gern zeigen, vor allem dir, Mathias. Du müsstest es schnell beherrschen, so geschickt, wie du bist.“
„Ich will von diesem Kram nichts wissen, mein Webstuhl ist mein ein und alles“, warf der Angesprochene entsetzt ein.
„Sei doch nicht direkt so grimmig!“, wies Christian ihn zurecht.
Wilhelm ignorierte das und erzählte weiter: „Immer wieder grübelte ich darüber nach, ob ich euch schreiben sollte oder nicht. Letztendlich überredete mich Knut, es zu versuchen. Er meinte: Ihr liebt mich! Sei mutig und probiere es wenigstens. Es dauerte noch etwas, bis ich den Mut fand, euch den ersten Brief zu schreiben! Jetzt bin ich dankbar, dass ich es getan habe und hier sitzen darf.
Wann der Webstuhl angeliefert wird, weiß ich nicht, aber das kann nicht mehr lange dauern. Er ist vor unserer Abfahrt auf die Reise geschickt worden. Knut und ich unterbrachen unsere Fahrt in Hamburg für zwei Tage.“
„Ich denke, dass reicht für heute!“, fiel Madelena streng dazwischen: „Alles weitere könnt ihr morgen besprechen. Herr Sörensen, Sie sind noch kaum zu Wort gekommen! Ihr beide müsst eure Zimmer beziehen, und euch ein wenig frisch machen, bevor wir uns zum Abendessen treffen. Maria, begleitest du unseren Gast bitte nach oben und schaust, ob das Zimmer für Herrn Sörensen in Ordnung ist.“
„Mutter“, mischte sich Katharina dazwischen: „Mutter, lass mich das erledigen, ich habe es auch letztens gesäubert!“
„Gut, dann begleite du unseren Gast!“
Knut beobachtete das und überlegte ein wenig amüsiert: Warum ist sie so dahinter her mir das Zimmer zu zeigen? Es freut mich, denn sie ist hübsch und weiß sicherlich was sie will. So einen Empfang hätte ich mir nie erträumt. Wie lange kann ich diese Gastfreundschaft wohl nutzen? Darüber muss ich unbedingt mit Wilhelm sprechen. Mal sehen wie es in den nächsten Tagen weiter geht.
Energisch forderte Katharina Knut auf, mitzukommen: „Junger Mann, darf ich sie bitten, mir zu folgen!“
„Ich gehe auch nach oben“, erklärte Wilhelm und packte ebenfalls sein Bündel. Knut tat es ihm gleich und konnte seinen Blick von der resoluten Schwester nicht abwenden. Märte war da anders, nicht so resolut. Sie war erst fünfundzwanzig. Die Schwester von Wilhelm ist bestimmt älter, vielleicht ist das der Grund, überlegte er, während er den Geschwistern folgte.
Tatsächlich nutzten die beiden Männer die Zeit, um sich frisch zu machen und ihre Sachen auszupacken. Danach klopft Wilhelm an Knuts Türe, um ihn abzuholen zum gemeinsamen Abendessen. Später am Abend fielen beide erschöpft in ihre Betten, denn der Tag war sehr anstrengend gewesen.
                                        

 

 

 

 

 

 

 

Auszug aus dem 3. Roman:

 

 

 

Das Ende der ersten Blütezeit

 

 

 

Ertappt beeilte sich Peter zu antworten. Keinesfalls würde er von seinen Eheproblemen erzählen, darum wiegelte er kleinlaut ab: „Ich weiß und bemühe mich die Entwicklung hinzunehmen. Aber ich gebe zu, mich ärgert es sehr, dass du meinen Vettern, die nicht so viel Verantwortung zur Zeit tragen wie ich, genauso viel Befugnisse einräumst!“ „Dann arbeite an deiner Einstellung, denn das bleibt so! Das zu akzeptieren, kann ja nicht so schwer sein, da du dich die meiste Zeit nicht hier im Gebäude aufhältst. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“, hakte Christian energisch nach. Ein bestätigendes Kopfnicken erhielt er als Antwort. Beim Verlassen des Raums, dachte Peter: Immer soll ich kleine Brötchen backen. Ich hatte die Idee mit dem Strom, der unsere Webstühle antreiben soll. Sicherlich ist Paul im Recht, wenn er beanstandet, dass die Dampfmaschine in Ungerath steht und nicht an der Amener Straße, räumte er aufgebracht  ein. Schmollend verließ er das Gebäude. Das Thema aber ließ ihn nicht mehr los.

 

Abends, als er nach Hause kam, stand seine Frau verschwitzt, mit einer unförmigen Schürze ange-tan, die den gerundeten Bauch noch mehr betonte, am Herd. „Peter“, begann sie in einem jam-mernden Tonfall, „ich schaffe es nicht mehr ohne Hilfe. Deinen Bruder Fritz kann ich nicht mehr alleine anheben. Durch das Kind bin ich nicht in der Lage, schwere Hausarbeiten durchzuführen. Ich möchte eine Magd, die mir die groben Arbeiten abnimmt und mich unterstützt in der Pflege von deinem Bruder. Deine Mutter erledigt immer noch viel, aber den Rest kann ich nicht mehr alleine bewältigen. Wenn dann noch unser Kind dazu kommt, weiß ich nicht, wie die ganzen Arbeiten erle-digt werden sollen.“ „Was willst du? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Meinst du, ich ver-diente Geld ohne Ende? Du spinnst wohl!“, erwiderte ungehalten ihr Ehemann. Dieses Ansinnen verschärfte seine Stimmung, die eh schon kurz vor dem Siedepunkt lag. „Meine Mutter meinte auch, wenn du zu so einer reichen Familie gehörst, steht mir eine Hilfe zu.“, setzte Rosina dagegen. „Was fällt dir ein, meine Mutter hat viel mehr schuften müssen als du. Wer bist du, wo kommst du her? Mir nicht zu Diensten sein, aber Ansprüche stellen! Ich werd` dir helfen.“ In dem Augenblick stürzte er sich auf seine Frau und schlug ihr brutal ins Gesicht. Da sie damit nicht gerechnet hatte, fiel sie gegen den Herd, an dem sie gerade stand. Instinktiv stützte sie sich an der Herdoberfläche ab und verbrannte sich schwer an der heißen Platte. Peter bekam das gar nicht richtig mit und riss sie an den Haaren wieder in die Höhe. Rosinas Hände wurden brutal von der Herdplatte gerissen. Ihr Mann bemerkte, dass etwas mit ihren Händen nicht stimmte, ignorierte das aber. Schmerzhaft stöhnte seine Frau auf, um nach zu setzten: „Was bist du für ein Mann? Also trifft es zu, was die Leute über dich tuscheln. Hast du etwas mit dem brutalen Mord an deinem Stiefvater zu tun?“, schleuderte sie ihm entgegen. Das war zu viel für Peters Gemüt, er griff nach ihren Schultern und stieß sie erneut von sich und schrie sie an: „Wage es nicht, jemals so etwas zu behaupten, ansonsten wirst du mich erst richtig kennenlernen! Verschwinde aus meinem Blickfeld du elende Schlampe!“ Rosina merkte, dass es besser wäre, sich schleunigst zu verziehen. Schnell stürzte sie aus der Tür, aber wo sollte sie hin? Tränen liefen ihr übers Gesicht, während sie sich in der hintersten Ecke der Scheune verkroch. Nun erst schaute sie auf ihre Hände und sah die Hautfetzen, die von der Handinnenfläche hingen. Sie ahnte, dass die Hände verbunden und mit einer Salbe bestrichen werden mussten, aber sie traute sich nicht aus der Scheune. Die Angst war zu groß, ihrem Ungeheuer von Ehemann zu begegnen. So stellte sie sich die Ehe nicht vor. Sie drückte sich tief hinter alte ausrangschierte Gebrauchsgegenstände, wo keiner sie finden konnte.

 

                              

 

                                 

 

 

 

 

 

                                                                                     6

 

Christian eilte nach dem Gespräch mit Peter ins Haupthaus, während er an das aufbrausende Tem-perament seines Neffen und den damit verbundenen Streitigkeiten zwischen seinen anderen Nef-fen dachte. Abends, als er auf dem Sofa saß, grübelte er über eine Lösung des Problems nach. Carolina saß ihm gegenüber, auf dem Schoß eine Strickarbeit. Sie beobachtete den ihr so vertrau-ten Mann eine Weile und fragte: „Christian, was brennt dir auf der Seele?“ „Bemerkt man das so deutlich?“, erklärte er ertappt. „Wer dich gut kennt, sieht das dir sofort an!“, meinte sie mitfühlend und erklärte: „Da meine Gefühle, was dich anbelangt, einen heftigen Schub erhielten, achte ich noch mehr auf deine Stimmungen. Willst du nicht mit mir sprechen? Ich lege meine Arbeit an die Seite und höre dir aufmerksam zu!“ Tatsächlich legte sie die Stricknadeln aus der Hand und rutsch-te ein Stück näher zu Christian. Behutsam nahm sie seine Hand.

 

In dem Augenblick öffnete sich die Haustür, denn Madelena kam nach Hause, besser würde man sagen, sie stürmte ins Haus! Jeden Tag half sie jetzt Agnes bei der Versorgung der Patienten. Mit viel Elan half sie ihrer Tante bei der Herstellung von Heiltinkturen. Das Mädchen faszinierte alles, was Heilkräuter bei der Heilung eines Kranken bewirken konnten.

 

Abends war sie unendlich hungrig und müde, darum fiel sie nach einem ausgiebigen Essen wie ein Stein ins Bett. Die Haustüre öffnen und ins Zimmer hinein stürmen, dazwischen verstrich kaum Zeit.

 

Erschrocken hastete Caroline im selben Augenblick auf ihren Platz zurück. „Mutter, Onkel Christian, ich habe Hunger, ist noch ein wenig vom Abendessen übrig?“, plapperte sie direkt drauflos, als sie in den Raum trat. „Guten Abend mein Kind, einen schönen Abend lieber Onkel, so viel Zeit müsstest du aufbringen. Ja, es gibt noch etwas vom Auflauf in der Küche. Minna, ist er heute besonders gut gelungen!“, erwiderte die Mutter froh, dass sie sich so schnell gefangen hatte. „Ach Mutter, du weißt, das ist nicht bös gemeint, wenn ich so hungrig hier hereinplatze und vergesse euch zu be-grüßen, nicht wahr Onkelchen?“, versuchte sie Zustimmung zu erheischen: „Aber es war heute wieder so aufregend, Tante Agnes hat begnadete Hände!“ „Das stimmt, die hat sie! Ich bin froh, dass du so viel bei ihr lernst, aber muss es so spät werden?“, ermahnte die Mutter ihre hübsche Tochter, während sie einen kurzen Blick nach draußen warf, wo sich die stockdunkle Nacht zeigte. „Mach dir keine Sorgen, ich passe im Dunkeln gut auf. Ich soll dich fragen, ob du einverstanden bist, wenn ich morgen Abend mit Tante Agnes wieder Kranke besuche. Es könnte etwas später werden.“

 

„Das ist mir nicht recht! Du kannst mit ihr gehen, aber im Dunkeln, ohne Begleitung nach Hause zu kommen, das ängstigt mich“, erklärte die Mutter eindringlich. „Aber das muss sein! Du warst mit der Ausbildung einverstanden“, entgegnete Madelena temperamentvoll. „Frage doch Tante Agnes, ob du morgen Abend bei ihr bleiben kannst, dann macht sich deine Mutter keine Sorgen“, beruhig-te Christian die Gemüter. „Das ist ein guter Vorschlag und Tante Agnes erlaubt es bestimmt für eine Nacht. So, nun geh in die Küche und hole dir noch ein wenig vom Auflauf“, atmete die Mutter er-leichtert auf, glücklich über diese Lösung. Madelena gähnte heftig und meinte müde: „Danach gehe ich ins Bett. Ich bin hundemüde. Ich glaube, ich schlafe diese Nacht wie ein Stein. Könntest du da-rauf  achten, dass ich pünktlich aufstehe?“ Sofort drehte sie sich auf dem Absatz um und ver-schwand in Richtung Küche. Eine viertel Stunde später verabschiedete sie sich dann endgültig, um ins Bett zu gehen. 

 

Carolina atmete erleichtert auf: „Christian, um ein Haar wären wir aufgefallen!“, erklärte sie später gedämpft, nachdem eine Zeit verstrichen war.  „Wieso, wir hätten doch nur nebeneinander geses-sen. Was ist daran verwerflich?“ „Ich weiß, dass es von meiner Seite nicht so harmlos gemeint war und das genügt mir schon!“ „Das freut mich, ob-wohl ich anders darüber denken sollte. Sind jetzt alle daheim oder müssen wir mit noch einem Überfall rechnen?“, eruierte Christian die Lage. „Keine Sorge, Franz ist wie immer unter der Woche nicht zu Hause.“ „Ich weiß“, antwortete Christian knapp, denn Franz bekam im Haus der Familie Levis ein Zimmer, sonst hätte er nie pünktlich mor-gens anfangen können. „Wilhelm und Rudolf sind schon lange in ihren Zimmern. Nun erzähle mir endlich, was dich bedrückt.“ Sie fand ihren Mut wieder und rückte erneut näher an Christian heran.

 

Sofort sprudelten die Worte über die Dinge, die Christian bedrückten wie ein Wasserfall heraus. Ganz zum Schluss berichtete er auch von Peters  Attacke auf Rudolf. „Oh je“, meinte Carolina am Ende seines Berichts. „Was geht in dem Jungen nur vor? Eigentlich sollte er doch ruhiger werden, jetzt wo er verheiratet ist! Sicherlich, er kann sehr auf-brausend sein. Ob das etwas mit dem Tod von Anton zu tun hat?“, warf sie ihre Gedanken in den Raum. Anton tyrannisierte die ganze Fami-lie, bis zu seinem mysteriösen Tod. „Nein, das denke ich nicht, aber Peter muss sein Temperament in den Griff bekommen! Immerzu denkt er, er wäre zu kurz gekommen, weil wir die Firma von Ma-thias zurückkauf-ten. Dass wir dadurch seine Familie am Leben hielten, will er nicht einsehen. Au-ßerdem wäre die Firma über kurz oder lang bankrott gewesen, denn Dina hätte sie sicherlich nicht leiten können, aber das scheint nicht der einzige Grund zu sein. Obwohl er frisch verheiratet ist, bleibt er auffallend lange in der Firma, dabei müsste er glücklich jeden Abend mit seiner Frau ver-bringen. Es ist alles verzwickt!“ „Sei nicht so deprimiert, Christian“, tröstete Carolina ihn. Behutsam griff sie erneut seine Hand und führte sie an den Mund, um einen Kuss darauf zu hauchen. Schau-der überliefen den Mann, hervorgerufen durch den sanften Kuss. „Carolina, ich halte es bald nicht mehr aus, neben dir zu sitzen und dich nicht berühren zu dürfen! Und wenn dann noch so ein Vor-fall wie heute Abend geschieht …Wo wird das alles enden?“, erklärte er verzweifelt. „Wer sagt denn, dass du das alles aushalten musst?“, flüsterte sie leise, aber eine gewisse Verlockung lag in ihrer Stimme. „Carolina!“, meinte entsetzt der Mann, denn er konnte nicht glauben, was er da ge-rade von ihr hörte. „Carolina, habe ich das richtig verstanden, darf ich dich berühren?“ Statt eine Antwort zu geben, setzte sich die Frau fast übermütig auf seinen Schoß, nahm sein Gesicht in beide Hände und drückte einen zärtlichen Kuss auf seinen Mund. Nun hielt ihn nichts mehr! Sofort wie-derholte er den Kuss, dieses Mal fiel er besitzergreifender aus. Dann tasteten sich seine Hände zu ihrer Brust. Erregt reagierte die Frau und ihm wurde klar, dass Carolina genauso viel Verlangen empfand wie er selbst. Sie schmiegte ihr Gesicht an seins, um seinen Duft einzuatmen. Plötzlich zog sie sich zurück und meinte schelmisch: „Du fühlst dich wie ein Igel an!“ „Wieso?“, fragte er verdutzt. „Dein Bart kratzt!“ „Soll ich ihn mir abnehmen?“  „Nein, diese Pracht darfst du nicht abschneiden, ich werde mich schon daran gewöhnen.“ Da sein Haar, wie auch sein Bart in den letzten Jahren schneeweiß geworden waren und eindrucksvoll sein gebräuntes Gesicht umschlossen, leuchteten seine stahlblauen Augen umso heller. Christi-an war ein gut aussehender Mann. Dass er ein Jahr jünger war als sie selbst, störte Carolina nicht im Geringsten. Zu Anfang, als sie die Familie kennen-lernte, war Christian ihr wie ein jüngerer Bruder vorgekommen. Vielleicht bemerkte sie darum nicht, was er für sie empfand. Später, als ihr bewusst wurde, welche Meinung ihr Mann von dem jüngeren Bruder besaß und dass er wichtige Entscheidungen souverän klärte, wuchs er in ihrer Achtung. Aber niemals bemerkte sie, dass der Mann etwas Tiefes für sie empfand.

 

Jetzt gab es eine andere Konstellation, die Gewichte hatten sich verschoben. Plötzlich schubste sie Christian sanft an, woraufhin er ihr ins Ohr flüsterte: „Du Frau meines Lebens, bleib auch in deinen Gedanken bei mir! Hast du verstanden, was ich zu dir sagte?“ „Oh entschuldige, ich war tatsächlich ganz weit in die Vergangenheit eingetaucht, aber es hatte mit dir zu tun“, erklärte sie ihm schnell. „Was sagtest du?“, fragte sie nach. „Ich will mit dir bereden, wie es weiter mit uns geht. Doch viel-leicht ist zunächst das wichtiger, worüber du gegrübelt hast. Willst du darüber sprechen?“ „Nein, da gibt es nichts zu besprechen. Meine Gedanken wanderten zu unserer ersten Begegnung. Du warst für mich wie ein jüngerer Bruder. Damals gab ich mich sehr abgeklärt. Ich wollte mich als Frau nicht unterkriegen lassen. Deine Mutter machte auf mich den Eindruck, sie sei unabhängig und nicht nur ein Aushänge-schild deines Vaters, den ich nie kennenlernte. Und dann erlebte ich ihre herzliche Art und schätzte ihr unkompliziertes Verhältnis zu mir, was zu ihrem Wesen gehörte, wie ich später bei manch anderer Situation fest stellen konnte. Ihr und ihrem Verhalten ist es zu verdanken, dass du und deine Brüder, Frauen respektvoll und ebenbürtig behandeln. Denke nur an die Geschichte vom Hochrad! Heinrich erlaubte mir, ohne zu zögern darauf zu fahren. Später, als ich mehr Einblick in die Belange eurer Firma bekam, begriff ich, wie wichtig deine Meinung für Heinrich immer war. Oft erklärte er: Ich bespreche das lieber morgen mit Christian! Er sagte nicht Knut, obwohl ihm dessen Meinung auch wichtig war. Da fing ich an, dich in einem anderen Licht zu betrachten, dich zu bewundern wegen der Weitsicht und der Gerechtigkeit, die du immer an den Tag legtest. Jeder im Betrieb achtet dich uneingeschränkt.“

 

Jedoch der Gedanke, dass ich als Frau dir etwas bedeuten könnte, den hatte ich nie.“ „Das habe ich bemerkt und akzeptiert, schließlich warst du die Frau meines Bruders, die Mutter seiner Kinder. Mich machte schon glücklich, wenn ich im gleichen Raum mit dir sitzen durfte und euren Gesprä-chen lauschen konnte. Sicher wurde mein Herz schwer, aber wer darf jeden Tag das Liebste wenigs-tens sehen?“ „Ich verstehe die Qual, die es für dich bedeutete, aber nun sind die Karten neu ge-mischt!“, meinte sie pragmatisch. „Genau, dahin zielte meine Frage eben an dich. Am liebsten wür-de ich dich ins Schlafzimmer zerren und deinen Körper kennenlernen, aber das geht nicht so ohne weiteres. Zu-nächst hast du Kinder, die zu Recht entsetzt wären, wenn sie ihren Onkel im Bett des Vaters vor finden würden. Wenn du sicher bist, dass du mich wirklich liebst und es nicht nur die Sehnsucht nach körperlicher Nähe ist, dann müssen wir zuerst deine Kinder und später die Familie einweihen.“

 

„Ich sagte ja, ich bewunderte deine Weitsicht auf die Dinge. Ich denke, in den letzten Tagen ver-brachte ich genug Zeit damit, mir darüber klar zu werden, wie ich zu dir stehe und was ich für dich empfinde. Ich habe Heinrichs Grab besucht und mit ihm Zwiesprache gehalten. Heinrich wäre der Letzte gewesen, der mir Grenzen aufgezeichnet hätte. Mein Herz ist groß, ein Teil gehört ihm ganz allein, daran wird nichts und niemand je etwas ändern können. Ein weiterer Teil gehört meiner Familie, also den Kindern. Aber dann ist noch viel Platz, um eine neue Tür aufzustoßen, in die deine Liebe zu mir hineinpasst. Für mich grenzt es an ein Wunder, dass mir zum zweiten Mal aus der glei-chen Familie ein Mann etwas bedeutet.“

 

„Weißt du, wie glücklich mich diese Worte machen? Wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe? Eigentlich hoffte ich nie darauf, diese Worte jemals zu hören. Auch, dass ich zu der Frau meines Lebens je-mals sagen darf: „ Ich liebe dich“, grenzt für mich an ein Wunder.“ Besitzergrei-fend nahm er sie erneut in den Arm und schenkte ihr einen weiteren verlangenden Kuss. Beide schwebten im siebten Himmel. Als die Sehnsucht  gestillt war, fragte er erneut, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen würde und wie sie innerhalb der Familie vorgehen sollten? Kurz dachte Carolina nach und erklärte dann verunsichert: „Einige meiner Kinder leben noch eine ganze Weile hier im Haus. Heinrich ist noch sehr jung mit seinen zwölf Jahren. Er wird sich leicht in die neue Familiensi-tuation einfinden. Wie Gustav unser kleiner Professor, der alles hinterfragt, reagiert, kann ich nicht einschätzen. Er ist fünfzehn, also voll in der Pubertät. Ob er es akzeptiert, wenn ein anderer Mann an meiner Seite ist?“, stellte Carolina ihre Überlegungen in den Raum. Eine Antwort darauf zu fin-den, war schwierig, um gleich hinterher zu schieben: „Wilhelm ist schwer zu beurteilen, du kennst ihn ja. Rudolf ist Neuem gegenüber aufgeschlossen und fühlt sich mit seinen achtzehn sehr erwach-sen.“ „Wusstest du, dass Rudolf Gedicht verfasst?“, schob Christian dazwischen. „Nein, ehrlich, irgendwie passt das nicht zu ihm. Hast du ein Gedicht von ihm gelesen?“ „Nein, ich erfuhr am Ran-de davon, weil Peter sich einen Spaß machte, ihm das Gedicht wegzunehmen und es laut den Leu-ten im Betrieb vor zu lesen.“ „Mh, ich dachte er wäre oberflächlicher. Vielleicht zeigt er mir bei Ge-legenheit eins seiner Gedichte, dass er malen kann, hängt hier als Beweis.“ Die Mutter drehte sich zum Bild an der Wand, das Rudolf ihr malte und zum Geburtstag schenkte. „Doch nun zu Madelen-a. Sie ist neugierig, manches Mal auch geschwätzig. Wie sie einen Mann an meiner Seite findet, kann ich nicht beurteilen, wobei sie in Zukunft viel Zeit bei Agnes im Haus verbringen wird. Franz ist die meiste Zeit nicht da, aber er würde uns am ehesten verstehen!“, erklärte bedrückt die Mutter mögliche Reaktionen  bei ihrer Brut! „Die Sachlage ist nicht einfach, schließlich kenne ich deine Kin-der in- und auswendig! Trotzdem müssen wir es mit ihnen klären, sonst bekommen wir nie eine Entscheidung, wie wir mit unserer Liebe umgehen dürfen! Wobei ich mir wegen Franz auch keine Sorgen mache, denn er sprach mit Paul und er-munterte ihn, mit mir über dich zu reden“, steuerte Christian zur Erklärung bei. „Alle haben unter dem für sie plötzlichen Tod Heinrichs gelitten“, fuhr der Mann fort: „Ich bin ein Ersatz für die Bande, aber nicht als Mann und Vater, höchstens als ihr Onkel. Aber meist nur als ein Neutrum, das da ist, wenn Streit zu schlichten ist oder das, das bei den Hausaufgaben die Probleme löst! Ich fürchte mich vor der Reaktion deiner Kinder“, unkte Christian. „Es hilft alles nichts, sprechen wir mit ihnen. Bist du damit einverstanden, Christian?“

 

„Das wird wohl das Beste sein.“

 

Die beiden Liebenden nutzten die Einsamkeit und tauschten noch ein paar Zärtlichkeiten aus. Spä-ter trennten sie sich schweren Herzens. Doch Christian schwor, sich nur dann sich ganz und gar auf Carolina einzulassen, wenn alle in ihrer Umgebung damit einverstanden waren.

 

                                  

 

                                                                                     7

 

Rosina wagte sich lange nicht heraus aus dem Schuppen, der ihr Zufluchtsort wurde. Die Tränen versiegten nach einiger Zeit, aber der Schmerz hielt an. Der Schock brachte es mit sich, dass sich eine eisige Kälte in ihrem Körper bemerkbar machte, die die Hände etwas beruhigten. An wen kann ich mich wenden, mit wem darf ich über Peter und mich sprechen? Zu wem soll ich mit meinen Hände gehen? Meine Schwiegermutter hat von dem Streit nichts mitbekommen, weil sie sich um Fritz kümmern musste. Sie ist mit ihm schon überfordert. Wie gerne würde ich zu meinen Eltern gehen, aber wenn sie hören und sehen, was Peter mir angetan hat, werden sie ihn zur Rede stellen. Vater würde ihn erschlagen. Auf der anderen Seite würde Vater mich ermahnen, dass der Mann im Haus das Sagen hat und ich ihm zu Willen sein müsste. Nun trage ich auch noch sein Kind unter meinem Herzen. Aber selbst darauf  nimmt Peter keine Rücksicht. Ob ich mich an seine Tante wen-den soll? Agnes könnte wenigstens meine Hände verarzten.

 

Verzweifelt überlegte Rosina wie ihr Leben weitergehen sollte.

 

 

 

Zunächst wütete Peter noch eine ganze Weile in der Küche, schmiss auf den Boden, was ihm unter die Finger kam, sodass ein großer Scherbenhaufen sich auftürmte. Später besann er sich, denn ihm wurde bewusstes, es war sein Geld, das in Scherben vor ihm lag. Immer noch in Rage, verließ er die Wohnung und eilte zur nächsten Kneipe, das alles beobachtete Rosina von der Scheune aus.

 

Endlich wagte sie sich aus dem Schuppen und spähte zur Wohnung. Als sie niemanden sah und nichts hörte, öffnete sie vorsichtig die hintere Tür, wartete einen Moment und schlich dann in ihren Wohnbereich. Nichts, wirklich gar nichts, konnte sie anfassen, darum legte sie sich im Wohnraum auf das Sofa und fiel nach einer ganzen Weile in einen unruhigen Schlaf. Später hörte sie die Haus-tür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen. Hellwach war sie in dem Augenblick und kauerte sich in die hinterste Ecke des Zimmers. Doch Peter machte keine Anstalten in den Wohnraum zu schau-en und bald vernahm die geschundene Frau Schnarchgeräusche aus ihrem Schlafzimmer.

 

Früh am nächsten Morgen stand sie auf und schlich aus dem Haus. „Ich muss hier raus, ehe Peter aufsteht. Zunächst suche ich Agnes auf, sie kann mir mit meinen Händen helfen“, machte Rosina sich Mut. Als die Turmuhr die siebte Stunde schlug und bei Agnes Licht brannte, stand sie vor ihrer Tür. Gott sei Dank, überfiel Rosina die Erleichterung, da die Tante selbst die Tür öffnete. „Rosina, was machst du denn hier zu so früher Stunde? Ist etwas mit dem Kind?“, fragte besorgt die ältere Frau. „Nein!“, schon schossen erneut Tränen über Rosinas Wangen. „Komm Kind, komm erst ein-mal ins Haus.“ In dem Augenblick griff sie nach einer Hand von Rosina. Kaum berührte sie diese, stöhnte die junge Frau vor Schmerz auf. Erstaunt betrachtete daraufhin die Tante die Hand und fragte entsetzt darüber, was sie sah, was passiert sei. Zu-nächst stockend, aber bald sprudelten die Worte nur so aus Rosina her-aus. Still, ohne sie zu unterbrechen, hörte Agnes zu. Sie bemühte sich, ihr Entsetzen zu verbergen. Endlich endete Rosina mit ihrem Bericht. Schweigend, aber zärtlich legte Agnes Rosina ihre Arme um die Schultern, um sie zunächst zu trösten. Danach sprach sie im ruhigem Ton-fall: „Rosina, ich werde als erstes deine Hände verarzten. Ich horche auch nach den Herztönen deines Kindes, um sicher zu stellen, dass ihm nichts geschehen ist. Aber sag, was willst du wegen des Ausbruchs von Peter unternehmen? Soll ich mit ihm sprechen?“, bot sich die Tante an. „Würdest du das tun? Wenn ich mit ihm spreche, nimmt er mich nicht ernst, fängt an zu schrei-en und schlägt vielleicht wieder zu.“, meinte bedrückt die werdende Mutter. „Gut, ich knüpfe ihn mir einmal vor. Ich muss dann aber mehr darüber wissen, warum Peter so heftig reagierte. Kannst du mir den Grund verraten?“ „Ich bat ihn, mir eine Hilfe für den Haushalt und die Pflege von Fritz zu genehmigen. Meine Mutter meinte, ich solle das von ihm verlangen.“ „Mh, darum vergisst er sich so extrem?“, hakte Agnes nach. „Nun ja, meine Mutter empfahl mir, auf jeglichen zwischen-menschlichen Kontakt zu verzichten, sonst könnte das Kind Schaden nehmen. Das erträgt Peter überhaupt nicht, so war es auch gestern Abend“, erklärte kleinlaut, aber grundehrlich die junge Frau. „Aber Kind, das hält kaum ein Mann durch und ist auch nicht nötig“, sprach die Tante unver-blümt zu ihrer Nichte.

 

„Wenn er sich dabei normal verhalten würde, wäre es vielleicht nicht so schlimm, aber er verlangt und macht mit mir Dinge, die unwahrscheinlich wehtun, wobei ich anschließend oftmals blute und tagelang nicht mehr sitzen kann. Darum möchte ich nicht mit ihm zusammen sein“, schüttete Rosi-na ihr Herz aus.

 

„Nun verstehe ich. Obwohl es vieles erleichtern würde im täglichen Miteinander. Doch so wie du es schilderst, ist das Verhalten von Peter nicht akzeptabel. Was sage ich ihm nur?“, grübelte die Tante. „Außerdem meinte meine Mutter, dass die Kirche sagt, man darf es nur zur Fortpflanzung tun. Ich bin schwanger, also wäre es jetzt eine Sünde“, erklärte Rosina ihren jetzigen Standpunkt. Was sollte Agnes dazu sagen. Dass Peter nicht zimperlich ist, kann ich mir sehr gut vorstellen und das Argu-ment mit der Kirche stimmte natürlich auch, aber man sollte es nicht wortwörtlich nehmen, über-legte Agnes, aber nur um den häuslichen Frieden in dieser Familie einziehen zu lassen. Behutsam sprach sie daraufhin: „Weißt du Rosina, ich verstehe dich, aber versuche deinem Mann etwas ent-gegenzukommen, dann wird dein Leben vielleicht einfacher.“ Agnes dachte an ihren Bruder, Peters Vater. Er war das genaue Gegenteil von seinem Sohn, er wagte wochenlang nicht seine Frau anzu-fasse, bis Knut und Katharina nachhalfen und ihn aufklärten, wie man eine glückliche Ehe vollzieht. Verkehrte Welt, schoss es Agnes durch den Kopf,  ob Dina weiß, was sich unter ihrem Dach ab-spielt?

 

Die Verbände saßen und dem Kind ging es anscheinend gut. Zur Aufmunterung schüttete die ältere schnell noch einen starken Kaffee auf. Danach begleitete Agnes Rosina nach Hause. Peter war schon fort, nur Dina saß in der Küche und schälte Kartoffel. Als sie Rosina mit ihren verbundenen Händen sah, fuhr ihr der Schreck in die Glieder. „Kind, um Himmels willen, was ist passiert? Hängt das mit dem Chaos zusammen, was ich heute Morgen hier vorfand?“ Bevor Rosina antworten konnte, redete Agnes Klartext. Am Schluss hockte Dina am Küchen-tisch wie ein Häufchen Elend, denn sie machte sich die schlimmsten Vorwürfe. „Warum habe ich als Mutter so versagt? Peter ist doch Mathias Sohn und nicht Antons“, jammerte sie. „Warum straft mich der Herrgott so sehr?“ „Dina, du kannst nichts dafür!“, erklärte Agnes energisch der Schwägerin. „Rosina braucht jetzt Unterstützung, kannst du sie ihr geben?“ „Ja sicher, aber was geschieht mit Fritz? Rosina ist meine wichtigste Stütze bei der Pflege von ihm.“ „Ich knüpfe mir Peter vor, mal sehen, was ich erreichen kann. Er ist schuld an der Verletzung von Rosina, also soll er sich an der Pflege seines Bruders betei-ligen. Ich gehe direkt zu ihm in die Firma und sage ihm sehr deutlich, was er darf und was nicht“, erklärte die Tante nachdrücklich, drehte sich um und verschwand. Die beiden Frauen saßen zu-sammengekauert in der Küche und harrten der Dinge, die da kommen würden.

 

 

 

Tatsächlich erwischte Agnes ihren Neffen im Büro. Ohne anzuklopfen, öffnete sie die Tür. „So mein lieber Freund, wir beide werden uns jetzt einmal intensiv unterhalten!“ „Ich habe keine Zeit, ich bin sehr beschäftigt. Das müssen wir auf ein anders Mal verschieben.“, erklärte er süffisant. „Oh nein, heute und hier! Deiner Frau habe ich heute Morgen beide Hände verarztet und dicke Verbände angelegt. Sie erzählte mir haarklein, warum und wieso sie diese Verletzung besaß. Möchtest du mir etwas sagen oder soll ich dir erzählen, was ich weiß?“ Sie funkelte ihn mit ihren Augen durchdrin-gend an. „Diese blöde Kuh“, gab Peter von sich. „Darf ich dich daran erinnern, du sprichst von dei-ner Frau.“, fiel die Tante ihm ins Wort. „Ich weiß, das war der größte Fehler, der mir passiert ist!“, spie Peter aus. „Was war dein größter Fehler, ich verstehe dich nicht.“, hakte die Tante nach. „Die Heirat mit der Person.“ Die Antwort spie er abfällig heraus. „Du denkst an deine abartigen, ich will es einmal Spielchen nennen? So geht man mit keiner Frau um, erst recht nicht mit seiner Ehefrau. So etwas spielt sich in entsprechenden Etablissements ab! Du solltest dich schämen!“, entgegnete sie ihrem Neffen. „Peter, so geht das nicht weiter, reiß dich am Riemen. Ich habe mit Rosina ge-sprochen und ihr gesagt, dass sie auch Verpflichtungen hat, aber du musst zärtlicher zu ihr sein.“, erklärte Agnes Peter nachdrücklich. „Hast du dir Rosina angeschaut, wie fett sie geworden ist? Was soll ich an der noch toll finden?“, hielt Peter dagegen. „Sie trägt euer Kind aus und während einer Schwangerschaft nimmt man zu. Das ändert sich nach der Geburt bestimmt wieder“, machte die Tante ihm Mut. „Außerdem kann Rosina sich nicht zurzeit um Fritz Pflege kümmern, das wirst du übernehmen, haben wir uns verstanden?“, ließ die Tante nicht locker. „Oh nein, auch das noch!“, stöhnte Peter auf und stellte auf stur. Richtig einsehen wollte der Mann das alles nicht und wirkte sehr unwillig. Für heute konnte Agnes nicht mehr erreichen, bemerkte sie an dem verschleierten Blick ihres Neffen. Er schottete sich komplett ab. Resigniert verließ sie daraufhin das Büro. Ich wer-de dich im Besonderen im Auge behalten, natürlich auch Rosina. Wenn Peter nicht einsichtig ist, werde ich mit Christian sprechen, schwor sich Agnes auf dem Weg nach Hause. 

 

                                       

 

Mein erstes Buch "Sprich nur ein Wort"
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