Die Krähe.
Unsere Geschichte begann in einer kleinen, verschlafenen Stadt, die erstmals im Mittelalter erwähnt wurde. Es hätte keinen verwundert, wenn sich herausstellt hätte, dass sie vielleicht noch älter war.
Die Menschen hatten sich unterhalb einer Burg an gesiedelt, die auf einem mächtigen Felsen, hoch oben über der Stadt, thronte. Das heißt, heute ist es nur noch eine Ruine, die wie ein Finger in den Himmel ragt. Sie wirkt wie eine Glucke, die ihre Küken unter ihre Fittiche nimmt.
Der Berghügel war von dichtem Wald besiedelt, sodass man automatisch an einen Märchenwald dachte.
Kleine, anheimelnde, verwinkelte Gässchen prägen den Stadtkern. Dort finden sich bis heute noch Reste der alten Stadtmauer.
Vor einiger Zeit lebten dort drei Freunde, Michi, Bobo und Tobi. Man nannte sie überall, die unzertrennlichen Drei. Sie hatten sich im Kindergarten kennengelernt, denn sie fanden sich in ein und derselben Kindergartengruppe wieder. Zuerst beäugten sie sich vorsichtig. Ab und zu spielten sie miteinander. Eines Tages kam eines der älteren Kinder aus der Gruppe auf die drei zu und verlangte von Michi, dass er sofort von der Schaukel verschwinden solle. Michi begriff das nicht so schnell und im nächsten Augenblick hatte ihn der ältere unsanft von der Schaukel geschubst. Ehe er sich versah, standen Bobo und Tobi vor ihm und knufften den Schubser ordentlich in den Rücken, sodass er mit einem Bauchplatscher auf dem Sand landete. Prustend und heulend rappelte er sich aus dem Sand auf und hatte große Mühe, den Mund, die Nase und die Augen vom Sand zu befreien. Die drei Jungen bekamen zwar Ärger mit der Kindergärtnerin, aber der Grundstein für eine dauerhafte Freundschaft war gelegt. Schon bald waren sie die besten Freunde, die nichts auseinander bringen konnte. Viele kleine Abenteuer hatte sie zusammen geschweißt. Nach der Kindergartenzeit schulte man sie in dieselbe Klasse ein. Frau Kerner standen oft die Haare zu Berge, denn die Jungen hielten wie Pech und Schwefel zusammen. Was der eine nicht beherrschte, schaffte der andere und ließ selbstverständlich die Freunde daran teilhaben. Mittlerweile gingen sie in die vierte Klasse.
Sie traten überall im Trio auf. Klar, dass sie ihre ganze Freizeit zusammen verbrachten und nie gegenüber den tollsten Streichen abgeneigt waren. Eigentlich hielten sie sich am liebsten in der freien Natur auf, um eventuellen Aufträgen wie Hausarbeiten, Aufräumaktionen oder Ähnlichem zu entgehen. Ihr kennt sicherlich zu Genüge solche Attacken die, wie könnte es auch anders sein, von Mütter ausgehen. Darum nutzten sie jede sich bietende Gelegenheit, sich zu drücken und stattdessen lieber in der Ruine herumzustromern.
Die Ruine faszinierte sie ganz besonders. Es war sehr riskant, sich dort aufzuhalten, denn überall herrschte Einsturzgefahr. Immer schon hatten die drei die Verließe tief unten in der Burg erkunden wollen, aber dafür waren sie zu ängstlich, denn einmal war Michi abgestürzt. Schließlich war er der Schwerste von den drei Burschen. Gott sei Dank fanden Bobo und Tobi ein Seil. Schnell befahlen sie Michi es sich um den Bauch zu schlingen, damit sie ihn dann hochziehen konnten.
Tobi empfand die Burg als besonders unheimlich, manchmal dachte er sogar es spuke dort. Besonders ängstlich machte ihn die Tatsache, dass er ständig ahnte, was sich im nächsten Raum befand zum Beispiel: Wandmalereien oder Mosaike. Als sie diesen Raum betraten oder richtiger gesagt, die Reste des Raumes wo sich tatsächlich Bruchstücke von einer Wandmalerei oder Mosaiken an den Wänden befanden, diskutierten sie darüber, das Tobi wohl Dinge in der Zukunft sehen konnte, was natürlich Unsinn war.
„He, warst du in deinem früheren Leben schon einmal hier in der Burg?“, fragte Michi nach.
„Du hast sicher im Mittelalter oder wann die Burg entstanden ist hier gelebt?“, nervte nun auch Bobo ihn.
„Ach seid still, ich weiß nicht wieso und warum ich ahne was hier war und ist!“, erklärte Tobi ärgerlich, denn in dem Punkt gingen ihm seine Freunde gründlich auf die Nerven.
Blöd waren die Regentage, denn dann wagten sie sich nicht zur Burg. Überall war es glitschig, da ein feiner Moosfilm alle Steine und Wege überzog und die Gefahr, irgendwo auszurutschen, war den Freunden zu groß. Darum suchten sie anderswo Zuflucht und hofften, nicht irgendeinem Elternteil in die Arme zu laufen.
Heute war mal wieder so ein Tag. Leider regnete es so stark, dass jegliche außerhäuslichen Zufluchtsstätten ausfielen. Darum verkrümelten sich unsere Helden an diesem verregneten Herbsttag in Tobis Zimmer.
Es war klein. Ein Bett aus Urgroßmutters Zeiten stand an der Wand und daneben ein alter, dazu passender Nachttisch auf dem ein Ungeheuer von Lampe thronte. Es war ein Erbstück von Großtante Berta, die dieses Monstrum Tobis Eltern zur Hochzeit geschenkt hatte. Wegzuwerfen traute sich keiner, da Tante Berta ja noch einmal zu Besuch kommen konnte, was zwar keiner hoffte, aber es ist schon so manches passiert. Keiner wollte sie im Zimmer haben, darum landete sie bei Tobi.
Ein Ungetüm von Bettdecke war eingepfercht in kariertes Bettzeug. Wenn Tobi im Bett lag, achtete er immer darauf, dass sein Kopf herausschaute, sonst drohte er, zu ersticken. Im Winter vergrub er sich gerne unter den Federn, aber im Sommer lag das Bettzeug die halbe Zeit auf dem Boden. Außerdem befand sich ein protziger Schrank im Zimmer, der den größten Teil des Raumes versperrte. Der schmale Tisch wirkte winzig gegen die anderen Möbel, er stand vor dem kleinen Fenster mit einem klapprigen Stuhl davor.
Das Zimmer wirkt durch all die Möbel hoffnungslos überladen, sodass die Freunde nicht viel Platz fanden. Also saßen mindestens zwei von ihnen immer auf dem Bett.
„Blöd“, meinte Tobi „dass es schon wieder regnet. Hat einer von euch eine geniale Idee, was wir unternehmen könnten?“ Tobi war ein schlanker, großer Junge. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Bohnenstange ließ sich nicht verleugnen. Seine Arme waren viel zu lang für seinen Körper.
„Nö, mir fällt auch nichts Richtiges ein.“, gab Michi zwischen zwei Händen, vollbeladen mit Chips, die er genüsslich in sich hineinstopfte, von sich. Obwohl er sonst keinen Muskel überstrapazierte, verhielt es sich bei seinen Kaumuskeln ganz anders. Andauernd schob er etwas Essbares in seinen Mund. Dementsprechend sah er auch aus. Manche sprachen nur vom Kugelmonster. Trotzdem konnte er ganz schön fix sein und seine Gegner fürchteten ihn, denn wenn er sich in Bewegung setzte, dann flüchtete man besser, denn wer möchte von einer Dampfwalze überrollt werden.
„Hör doch endlich einmal mit dem ewigen Futtern auf“, maulte Bobo, der von Krümeln übersät wurde, bei Michis Versuch zu sprechen. Selbst Bobos Brille war voller Krümel.
„Guck mal, wie ich aussehe und erst meine Brille!“, motzte er, schüttelte alles von sich und die Krümel flogen, schön verteilt, auf Tobis Bett. Mit dem Zipfel vom Kissenbezug putzte Bobo seine Brille sauber.
Er hatte flachsblondes, dickes, widerspenstiges Haar. Es stand immer so von seinem Kopf ab, als durchzuckte ihn gerade ein Stromschlag. Seine Nase war etwas zu groß geraten, aber sein Vater schlug sich mit dem gleichen Makel durch das Leben. Also versuchte er tapfer, seinen Zinken zu ignorieren. Eigentlich war Bobo gutmütig und nichts brachte ihn so schnell aus der Ruhe.
„Ihr seid wohl beide nicht gescheit, wie soll ich auf den Krümeln schlafen?“, beschwerte sich Tobi, und schon stürzte er sich auf die beiden und sofort begann eine herrliche Balgerei. Nie hätten sie sich ernsthaft verletzt, aber es ging heiß her. Und in dem Tumult flog die Lampe, das Erbstück von Tante Berta, im hohen Bogen vom Nachttisch. Kladderadatsch und schon lagen tausende Scherben auf dem Boden.
„Och Gott, wenn meine Mutter...“, weiter kam Tobi nicht, denn schon stand seine Mutter im Türrahmen. Sie war spindeldürr und hatte den Kopf voller Lockenwickler. Die drei Jungen mussten Acht geben, dass sie nicht herausprusteten. Sie sah so komisch aus, denn zu allem anderen, war ihr Gesicht zentimeterdick mit einer weißlichen Paste bedeckt. Nur der kräftig, rot bemalte Mund hob sich ab.
„Was ist denn hier los“, schrie sie leicht hysterisch: „Raus, ihr verschwindet alle sofort!“ Ihre Stimme überschlug sich dabei so furchtbar, dass zwischendurch nur Kickser zu hören waren!
„Aber Mama“, wollte Tobi, um Fassung bemüht, seine Mutter beruhigen „es ist doch nur die blöde, alte Lampe von Tante Berta. Die mochtest du doch auch nicht.“
„Das spielt überhaupt keine Rolle. Ich muss jetzt alles sauber machen. Im Übrigen ist hier kein Jugendheim, das habe ich schon tausendmal gesagt. Was ist denn das?“, schimpfte Tobis Mutter mit piepsiger Stimme weiter, als sie die Krümel auf dem Bett entdeckte. Michi und Bobo waren mittlerweile vom Bett in eine Zimmerecke geschlichen.
Durch die Paste in ihrem Gesicht, die trocknete, konnte Tobis Mutter den Mund nicht richtig öffnen. Durch die Spannung bekam die Paste Risse und bröckelte von ihrem Gesicht, was sie Gott sei Dank nicht bemerkte.
„Auch das noch. Nun muss ich, zu all meiner Arbeit, auch noch dein Bett frisch beziehen. Verschwindet alle zusammen! Dabei wollte ich einen Nachmittag nur für mich haben!“, und ihre Stimme überschlug sich noch mehr, als sie bemerkte, dass das weiße Zeug von ihrem Gesicht auf das Bett und den Boden rieselte. Nun schäumte Tobis Mutter, denn sie besaß einen Putzfimmel und war ständig mit der Reinigung der Zimmer beschäftigt.
Ruck zuck schnappten sich die drei Freunde ihre Jacken und dachten: „Nur nichts wie weg“, denn bei der Stimmung herrschte höchste Alarmstufe. Mit einem Griff schnappte Michi nach der Chipstüte, denn auf den Inhalt wollte er keinesfalls verzichten. Leise schlichen sie von dannen, so schnell die Füße sie trugen.
Draußen schüttelten sie sich vor Lachen, an dem sie fast erstickten.
„Was machen wir nun?“, wollte Tobi wissen, nachdem sich ihr Lachkrampf beruhigt hatte. Klar, Tobi äffte natürlich noch einmal die piepsige Stimme seiner Mutter nach, als erneut ein riesiges Gelächter ausbrach und den Jungen kullerten die Tränen über die Wangen!
„Ich brauche mich vorerst nicht zu Hause blicken lassen, denn meine Mutter war stinkwütend. Hat einer zufällig eine gute Idee was wir mit dem Rest des Nachmittag anfangen können?“
„Zu mir können wir auch nicht, meine Schwester hängt ewig mit ihrer Nase dabei“, bemerkte Bobo bedrückt, denn in wirklich alles mischte Luzie sich ein.
Sein Vater war bei einem Betriebsunfall tödlich verunglückt. Nun arbeitete seine Mutter den ganzen Tag, um die Familie zu ernähren und seine Schwester Luzie beaufsichtigte ihn immerzu, dabei war sie nur acht Jahre älter. Man weiß ja, wie lästig ältere Schwestern sind.
„Schöner Mist, ich teile mein Zimmer mit meinen großen Brüdern und die schmeißen mich immer aus dem Zimmer.“, meinte Michi nun betrübt, der nicht nur dick, sondern tatsächlich klein von Statur war. Außerdem litt er immer schrecklich unter seinen Brüdern. Er war der Laufbursche und wenn er nicht gehorchte, setzte es immer Ohrwatschen. Nicht umsonst aß er so viel vor lauter Frust.
Seine Eltern besaßen nicht viel Geld die Wohnung bestand nur aus vier Räumen. Michi musste sich mit drei größeren Brüdern das Zimmer teilen.
„Scheußliches Wetter, blöd, dass meine Mutter uns rausgeworfen hat.“, wiederholte bedröppelt Tobi.
Unterdessen regnete es unaufhörlich auf sie nieder, eben ein typischer Herbsttag. Sie suchten Unterschlupf unter einer alten Eiche.
Ab und zu zwickte der ein oder andere seinen Nachbarn, aber die Langeweile blieb.
„Hat jemand von dem neue Harry Potter gehört?“, fragte Michi in die Runde.
„Ja, gehört habe ich davon. Er soll in England spielen und irgendwie von einer Zauberlehrlingsschule handeln.“, bestätigte Tobi.
„Ach das ist doch nur alles Fantasie und gibt es nicht wirklich. Oder glaubt einer von euch an Geister, Hexen oder Zauberer?“, gab Bobo von sich, denn ihn interessierte das nicht besonders.
„Das Buch soll aber sehr spannend sein, manchmal stockt einem beim Lesen der Atem.“, klärte nun Tobi die anderen auf, denn er las ab und zu.
„Für Weicheier mag das zutreffen. Im Übrigen woher weiß du so genau über den Inhalt Bescheid?“, bohrte Bobo nach.
„Mein Bruder hatte sich das Buch von einem Freund ausgeliehen und ich habe ab und zu, wenn ich alleine war, darin gelesen. Aber leider kann ich nicht so schnell lesen wie mein Bruder und darum bin ich nicht sehr weit gekommen. Aber es war wirklich sehr spannend, das versichere ich euch!“, erklärte Michi mit Überzeugung, der wirklich bedauerte, dass er nicht besser und damit schneller lesen konnte.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, flog eine Krähe knapp über ihren Köpfen in das Geäst der Eiche.
Die Jungen zuckten erschrocken zusammen und duckten sich instinktiv.
„Eh, was war das?“, fragte Michi, als er sich verwirrt wieder aufrichtete.
„Man sollte meinen, jemand hat ein Modellflugzeug haarscharf über unsere Köpfe gesteuert“, stellte Bobo, um Sachlichkeit bemüht, fest.
„Da oben, da sitzt der Übeltäter“, rief Tobi nun und zeigte auf einen Ast über ihnen: „Seht ihr die Krähe dort?“
Schnell klatschte Michi laut in die Hände und zeitgleich pfiff Bobo auf seinen Fingern, was er hervorragend beherrschte. Damit hatte er schon so manchen aufgeschreckt.
„Mensch, schaut mal, die Krähe bleibt einfach sitzen. Ob die taub ist?“, fragte Bobo, denn es war noch nie passiert, dass sein Pfeifen ignoriert wurde.
Währenddessen suchte Tobi nach einem etwas größeren Kieselstein.
„Hoffst du auf einen Schatz oder was suchst du auf der Erde?“, zog Michi Tobi auf, der mit seiner Nase über dem Boden hing.
„Nach einem Kieselstein für meine Schleuder.“, antwortete Tobi knapp. „O.K., ich habe den Richtigen. Mal sehen, wie die Krähe auf einen Kieselstein reagiert!“
Schon zog er die Schleuder aus seiner Hosentasche, legte den Stein fachmännisch ein und zielte auf die Krähe. Schließlich war er bis jetzt bei allen Wettkämpfen mit der Steinschleuder immer Sieger gewesen.
Die Krähe saß im Baum und beobachtete sehr interessiert, wie es schien, was die Jungen anstellten.
Da zischte auch schon der Stein durch die Luft und zielte genau auf den Kopf der Krähe. Schnell drehte sie ihren Kopf so, dass der Schnabel den Kieselstein abschmetterte, seine Flugbahn änderte und er geradewegs zurück zu den Jungen flog.
Zack, da traf ausgerechnet Michi der Kieselstein am Kopf.
„Autsch“, schrie Michi auf: „Bist du verrückt!“, maulte er in die Richtung, wo die Krähe im Geäst saß. „Das war mein Kopf. Nun bekomme ich bestimmt einen blauen Fleck.“ Er rieb sich die Stelle am Kopf und war froh, dass sich keine Beule bildete.
„Habt ihr beobachtet, wie geschickt die Krähe mit ihrem Schnabel den Kieselstein umgeleitet hat?“, fragte Bobo bewundernd.
„Krähen sind sehr gelehrig, das habe ich gehört. Aber das muss sie doch irgendwo gelernt haben.“, meinte Tobi anerkennend.
„Vielleicht ist das eine verzauberte Gestalt“, zog Bobo seine Freunde auf.
Wie auf ein geheimes Zeichen flog die Krähe auf Michis Kopf. Michi zuckte zusammen und ließ vor lauter Schreck seine Chipstüte fallen.
„Schaut mal, was für eine lustige Feder aus ihrem Gefieder herausragt.“, stellte Tobi fest und streichelte über das Kleid der Krähe. Wie ein Widerhaken erhob sich die Feder aus einem Flügel heraus. Selbst wenn man sanft versuchte, die Feder ins Gefieder zu stecken, lugte sie sofort vorwitzig wieder hervor.
Alle waren abgelenkt, selbst Michi. Diese Gelegenheit nutzte die Krähe, flog auf den Boden und schnappte frech, ehe jemand es verhindern konnte, nach der Tüte.
„Michi, mache den Mund zu, sonst entsteht Durchzug und dann pupst du nachher wieder.“, meinte Bobo frech, der das besonders lustig fand.
„Hey, du freche Krähe, rück sofort die Tüte Chips heraus, die ist von Michi“, rief Tobi ihr hinterher, denn sie war ein Stückchen weiter geflogen, saß im Gras, steckte ihren Kopf in die Tüte, um sich ein Stück von den Chips zu angeln.
Spontan liefen die Jungen hinterher. In diesem Augenblick schnappte die Krähe erneut nach der Tüte und landete wieder ein Stück weiter entfernt.
„Das gibt es doch nicht, die treibt mit uns Schabernack!“, staunte Bobo über die Krähe: „Erstaunlich, was sie alles für Tricks beherrscht!“
Dieses Spiel setzte sich ein paar Mal so fort. Jedes Mal hasteten die Jungen der Krähe hinterher, einerseits, um zu schauen, was sie mit der Tüte machte, aber auch, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Völlig aus der Puste blieb Michi plötzlich stehen. Das hatte zur Folge, dass Tobi und Bobo nicht mehr rechtzeitig stoppen konnten und ihrem Vordermann in die Hacken traten.
„Mensch pass doch auf! Du kannst uns doch wenigstens warnen, wenn du abrupt stehen bleibst!“, schimpften Tobi und Bobo gleichzeitig.
„Mir ist das Spiel zu doof, ich laufe doch nicht die ganze Zeit hinter einer blöden Krähe her, nur um meine Chips zurückzubekommen.“ Laufen war so oder so nicht Michis Stärke.
Er verfluchte die Sportstunden, denn sein Lehrer war geradezu besessen von der Leichtathletik. Michi schien es so, als ob er besonders den Ausdauersport bevorzugte. Wenn man ehrlich war, stellte man schnell fest, dass Michi keinerlei Sport gefiel und nun sollte er sich freiwillig wegen so fettiger Chips ins Zeug legen. Nein das war nichts für Michi. Demonstrativ ließ er sich ins Gras plumpsen.
„Du hast Recht, ist auch besser, wenn du keine Chips mehr isst, dann nimmst du wenigstens heute nicht mehr zu“, bemerkte Bobo trocken und ließ sich ebenfalls ins Gras fallen. „Du schnappst ja nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.“
„Hahaha, ich habe schon lange nicht mehr so gelacht“, gab Michi bedröppelt zurück, der enttäuscht war, dass sogar sein Freund Bobo ihn wegen seines Übergewichts ärgerte. Im Stillen wünschte er sich, genauso schlank wie seine Freunde zu sein. Sie trieben auch noch in ihrer Freizeit Sport. Tobi war ein begehrter Volleyballspieler in seiner Mannschaft. Wenn er aufgestellt wurde, war der Sieg für die Mannschaft schon so gut wie sicher. Bobo bevorzugte Judo, schließlich hatte er dort schon die Qualifikation für den grünen Gürtel erreicht. Jedes Mal musste man einen Gürtel erkämpfen, um höher in der Hierarchie aufzusteigen. Eigentlich war Michi stolz auf seine Freunde, besonders weil sie ihn, bis auf gelegentliche Neckereien, so akzeptierten wie er war.
Tobi setzte sich nun auch zu seinen Begleitern ins Gras.
„Leute, schaut mal“, rief er aufgeregt, denn die Krähe flog, mit der Chipstüte im Schnabel, auf Michis Schoß und legte die Tüte behutsam in seine Hand. „Das glaube ich einfach nicht, ob die uns versteht?“, bemerkte Tobi fast andächtig.
Michi war noch in Gedanken. Außerdem war ihm die ganze Situation unheimlich und er versuchte, die Krähe von seinem Schoß zu stoßen. Schon flog sie zu Tobi, setzte sich auf seine Schulter und knabberte an seinem Ohr.
„Das glaubt uns keiner“, sagte Tobi, der nicht wagte, sich zu bewegen. „Sie zwickt mich nur ein kleines bisschen.“
Nun versuchte er, ihren Schnabel zu fassen. Daraufhin flog die Krähe auf Bobos Kopf und zupfte an seinen Haaren.
„Hey, normalerweise rauf ich mir selber die Haare“, meinte Bobo amüsiert. „Komm, zeig dich!“ Im selben Augenblick schaute die Krähe, über seinen Kopf, von oben in sein Gesicht.
Nun packte er den Schnabel und stellte fest: „Der fühlt sich ganz warm an. Ich dachte, der wäre kalt.“
„Du Depp, unsere Nägel sind doch auch nicht kalt. Aber ich glaube, sie versteht uns. Das kann doch nicht sein.“, murmelte Tobi und beobachtete, was das Tier so anstellte. Sie rollte sich seitlich über den Kopf und blieb dann auf dem Rücken liegen, die Krallen in die Luft gesteckt.
„Sie will gestreichelt werden!“, stellte Michi fest und krabbelte tatsächlich leicht die Federn am Bauch. Nach einer Weile richtete sich die Krähe wieder auf, um nach dem Zipper an Tobis Anoraks zu schnappen und zog dann den Reißverschluss auf.
„Ausziehen wollte ich mich noch nicht!“, erklärte Tobi der Krähe, dafür ist es zu kalt. Im selben Augenblick zog sie den Reißverschluss ein Stück nach oben um ihn zu schließen.
„Das ist doch nicht zu fassen. Egal, was wir sagen, sie macht das sofort!“, gab begeistert Bobo von sich.
„Vielleicht ist sie bei Menschen groß geworden und jemand hat sie dressierte“, steuerte Michi zu den Überlegungen bei.
„Sollen wir sie mit nach Hause nehmen?“, überlegte Bobo.
„Wer von uns soll sie mitnehmen? Kannst du mir das einmal erklären“, stellte kopfschüttelnd Tobi fest und fuhr fort: „Deine Mutter, Bobo, kann in der kleinen Wohnung keinen Vogel halten und Michi mit seinen Brüdern, dass ist undenkbar. Na ja, meine Mutter mit ihrem Putzfimmel bekäme einen Fön. Sie würde mich mitsamt dem Vogel vor die Tür setzten. Nee, das geht nicht.“
Wie auf ein heimliches Kommando setzte die Krähe zum Weiterflug an. Aber nur ein paar Meter, dann kehrte sie wieder zurück.
„Schaut einmal, sie kann sich nicht von uns trennen.“, rief aufgeregt Michi. Schon setzte die Krähe zu einem erneuten Rundflug an.
„Die will doch etwas von uns.“, stellte Bobo fest und war begeistert davon, wie die Krähe sich ihnen mitteilte.
„Vielleicht will sie uns zeigen, wo sie wohnt“, überlegte Tobi laut, der ebenso fasziniert von dem Vogel war wie seine Freunde.
„Kommt, lasst uns sehen, wohin sie uns führt!“
Da flitzten Bobo und Tobi hinter der Krähe her. Notgedrungen stand auch Michi auf und setzte sich widerwillig in Bewegung, denn er hatte sich noch nicht wieder erholt.
„Mensch, wartet doch auf mich. Ihr wisst, dass ich nicht so schnell kann wie ihr!“, maulte er, nach Luft jappsend, denn anderen hinterher.
„Los, beeil dich, streng dich an!“, befahl Bobo ihm.
Schnell lief Michi Tobi und Bobo hinterher, war aber entsprechend wütend auf die beiden. Schließlich lenkten seine Freunde ein und versicherten, dass alles nur Spaß sei, denn sie waren froh, dass Michi, so wie er war, ihr Freund war.
Bald vergaß Michi seinen Frust, denn die Krähe schien auf Michi Rücksicht zu nehmen und legte immer wieder Pausen ein.
Sogar der Regen spielte jetzt keine Rolle mehr.